"Die Bikini Boxes sind ein einzigartiges modulares System"

Interview mit Architekt Dionys Ottl von Hild und K

01.08.2014

Shoppen, arbeiten, Filme sehen und die Berliner Affen bei der Fellpflege beobachten: Das Bikini Berlin ist facettenreich. Das frühere Bikinihaus aus dem Jahr 1955 wurde kürzlich zur ersten Concept Mall umgebaut. Exklusive Händler nutzen dort ein Boxen-Konzept, das sie für einen begrenzten Zeitraum kreativ nutzen können. Dionys Ottl vom Architekturbüro Hild und K beschreibt im Interview, wie das Gebäudeensemble trotz Denkmalschutz und anfänglichen Statikproblemen topmodern gestaltet werden konnte.

Bild: Dionys Ottl: Wilfried Dechau

Dionys Ottl: "Der Wunsch nach Individualität und Authentizität, mit dem die Macher der Concept Mall angetreten sind, hat auch uns bei der Gestaltung geleitet" ; © Wilfried Dechau

Herr Ottl, als erste Concept Mall unterscheidet sich das Bikini Berlin insofern von herkömmlichen Shopping-Centern, als dass nicht die typischen Filialisten sondern speziellere Marken zu finden sind. Wie spiegelt sich dieses Konzept in der Architektur wieder?

Dionys Ottl: Der Wunsch nach Individualität und Authentizität, mit dem die Macher der Concept Mall angetreten sind, hat auch uns bei der Gestaltung geleitet: Träger aus Stahlfachwerk, wie sie unverkleidet vor allem die dreigliedrige Halle im Erdgeschoss prägen, werden Sie im herkömmlichen Shopping-Center vermutlich vergeblich suchen.

Und der unverfälschten Qualität, die der Kunde im Bikini Berlin Pool findet, entsprechen die Materialien des Innenausbaus: Massive Eichenbohlen rahmen die lange Sitzbank am Fenster zum Zoo und belegen die Freitreppe zum Dachgarten, das Galeriegeschoss wurde mit Holzpflasterparkett in Eiche belegt.

Die Glasfassaden der Retaileinheiten bestimmt ein flexibles System aus unterschiedlichen Glasformaten und -strukturen, dessen rohe Stahlprofile lediglich gewachst wurden. Die Decke der Halle aus Stahlbeton verbleibt ebenfalls roh und präsentiert sichtbar die Installation und die für das Bauwerk entwickelten Beleuchtungselemente.

Die weiteren Wandoberflächen wiederholen ein Thema der Außenfassaden: Der Umbau erforderte es, eine Reihe von geschichtsträchtigen Konstruktionen und Materialien zu ersetzen, so zum Beispiel die durchgefärbten Glaspaneele der alten Fassaden. Um ein Stück der alten Substanz in den neuen Bauzustand zu retten und damit Kontinuität herzustellen, wurden die Original-Glasflächen des Gebäudes geschreddert und als Zuschlagstoff im Putz verwendet. In einer plastisch „gefalteten“ Putzgliederung, deren Elemente sich wie die Volants eines sommerlichen Kleidungsstückes überlagern, führen die alten Baustoffe ein neues Leben und verleihen dem Innenraum Glanz.
Bild: Gebäude Bikini Berlin; Copyright: Wilfried Dechau

Mit dem „Zentrum am Zoo“ und dem zugehörigen „Bikinihaus“ hatten die Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger 1955 ein aufgeräumtes, transparentes Ensemble geschaffen; © Wilfried Dechau

Können Sie das Prinzip der "Boxen" erklären. Was sind die gestalterischen Vorteile?

Ottl: Bei den Bikini Boxes handelt es sich um ein bislang einzigartiges modulares System: Kleinere temporär nutzbare Ladeneinheiten sind inselartig über die gesamte Halle verteilt. Die Boxen stehen für experimentelle Konzepte zur Verfügung. Die mögliche Mietdauer beträgt drei bis maximal zwölf Monate.

Diesem temporären Charakter entspricht auch die quasi provisorische Anmutung der Zimmermannskonstruktion aus unbehandeltem Holz. Das System ist zugleich maximal variabel. Was die Mieter mit dieser Freiheit anfangen, ist weitgehend ihnen selbst überlassen. Wir setzen da ganz auf kreative Köpfe!

Ein Motto von Malls ist derzeit: Hauptsache, die Kunden verbringen hier möglichst viel Zeit. Was macht Bikini Berlin zu einem solchen Ort?

Ottl: Bikini Berlin zeichnet sich insgesamt durch einen hohen Erlebniswert aus. Neben dem neuen Zoopalast als Premium Kino oder den gastronomischen Highlights sind dafür bestimmt auch architektonische Aspekte verantwortlich: An erster Stelle zu nennen ist hier sicherlich die öffentlich zugängliche Terrasse mit rund 7.000 Quadratmeter Fläche auf dem Dach des Bikini Berlin Pool, von uns Bikini Berlin Garden genannt.

Im Ringschluss mit der tribünenartigen Freitreppe im Innenraum wird diese über eine große Freitreppe auf dem Vorplatz an der Budapester Straße erschlossen und bildet so ein verbindendes Glied zwischen Breitscheidplatz und Zoo. Von fast zehn Meter Höhe aus bietet sich eine einmalige Aussicht auf die tierischen Nachbarn im Zoologischen Garten. Und die wurde in den vergangenen Monaten von Berlinern und Touristen bereits ausgiebig genossen. Das gilt auch für das vier mal vierzehn Meter große Panoramafenster, das sich im Inneren des Bikini Berlin Pool zum benachbarten „Affenfelsen“ hin öffnet.
Bild: Bikini Box "Bam Berlin" im Gebäude Bikini Berlin; Copyright: Wilfried Dechau

Bei den Bikini Boxes handelt es sich um ein bislang einzigartiges modulares System: Kleinere temporär nutzbare Ladeneinheiten sind inselartig über die gesamte Halle verteilt. Die Boxen stehen für experimentelle Konzepte zur Verfügung. ; © Wilfried Dechau

Bild: Panoramafenster mit Blick auf benachbarten "Affenfelsen"; Copyright: Wilfried Dechau

Ein vier mal vierzehn Meter großes Panoramafenster öffnet sich im Inneren des Bikini Berlin Pool zum benachbarten "Affenfelsen" hin. ; © Wilfried Dechau

Bild: Gebäude Bikini Berlin von innen; Copyright: Wilfried Dechau


Dem temporären Charakter entspricht auch die quasi provisorische Anmutung der Zimmermannskonstruktion aus unbehandeltem Holz. Das System ist zugleich maximal variabel; © Wilfried Dechau

Bild: Dachterrasse Bikini Berlin; Copyright: Wilfried Dechau

Bikini Berlin zeichnet sich durch einen hohen Erlebniswert aus. Dafür sind auch bestimmte architektonische Aspekte verantwortlich, wie die öffentlich zugängliche Terrasse mit rund 7.000 Quadratmeter Fläche auf dem Dach; © Wilfried Dechau

Beim Umbau musste auf die denkmalgeschützten Gebäude Rücksicht genommen werden. Welche gestalterischen Herausforderungen entstanden dabei?

Ottl: Mit dem "Zentrum am Zoo" und dem zugehörigen "Bikinihaus" hatten die Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger 1955 ein aufgeräumtes, transparentes Ensemble geschaffen. Der ganze Gebäudekomplex stand für wirtschaftlichen Aufschwung und war ein Meilenstein für den kreativen Aufbruch der Bundesrepublik. Beim Umbau stand uns stets das Ziel vor Augen, diese Leichtigkeit der Erbauungszeit wieder sichtbar zu machen. Kein ganz einfaches Unterfangen: Da waren zunächst gravierende statische Probleme mit einem Bestand und seiner Bewehrung, die im Hinblick auf die Standards der 50er Jahren geplant worden waren. Den Normen, die wir heute ansetzen müssen, entsprachen die Gegebenheiten bei Weitem nicht mehr.

Neben der Statik war die energetische Ertüchtigung der vorhandenen Gebäude ein Thema, das allen beteiligten Planern viel Kopfzerbrechen bereitete. Gerade für die Fassade des „Bikinihauses“ ist eine lebhafte Optik charakteristisch. Durch Vor- und Rücksprünge im Stahlbeton und mit variantenreichen Bändern aus filigranen Fenstern und Glasbrüstungen erweckt sie einen leichten, ja gewebeartigen Eindruck.

Die für die 1950er typische zarte Eleganz der Profile und die Original-Farbigkeit in die neue Konstruktion zu übernehmen, war angesichts der heutigen Energieeinsparverordnungen keine unkomplizierte Aufgabe. Gelöst werden konnte sie unter anderem durch die Fertigung spezieller Bauteile, bei denen die Profilierung nach außen hin beibehalten wurde, innen dagegen die notwendige Verstärkung erreicht wurde.

Was hat Ihnen bei der Gestaltung am meisten Spaß gemacht?

Ottl: Wir bei Hild und K haben eine gewisse Vorliebe für das Haptische. Insofern war die Gestaltung der außergewöhnlichen Oberflächen, also beispielsweise des Putzes mit den Zuschlagstoffen aus Recycling, eine unserer Lieblingsaufgaben. Ein weiteres Steckenpferd von uns ist der Innenausbau, weshalb ich an dieser Stelle auch die Ausstattung und das von uns entworfene Mobiliar in Form von Sitzgelegenheiten für die Mall sowie Dachterrasse nennen würde.

Vor allem das gelungene menschliche Miteinander aller Beteiligten hat die Bauzeit dieses großen Projektes zu einem positiven Erlebnis gemacht hat. In gewisser Weise setzt sich das auch noch nach dem Abschluss des Projektes fort: Nachdem sich der Sitz unseres Berliner Büros im "Großen Hochhaus", also innerhalb des Areals von Bikini Berlin befindet, können wir jeden Tag die Reaktion der Menschen auf unsere Arbeit miterleben. Diesen Prozess der Aneignung - etwa der großen Freitreppen oder der sehr gut angenommenen Dachterrasse - zu beobachten, ist das, was nach abgeschlossener Arbeit sicherlich am meisten Spaß macht!

Interview: Natascha Mörs; EuroShop
Erstveröffentlichung auf iXtenso.com