"Ob Münzen und Scheine anachronistisch sind, sollte der Verbraucher entscheiden"

Ein Kommentar von EHI-Zahlungsexperte Horst Rüter

Bild: Horst Rüter, EHI

Horst Rüter: "Die Mündigkeit, selbst zu entscheiden, ob neue Bezahlsysteme einen echten Mehrwert bringen, sollte man dem Verbraucher allein zugestehen." (© EHI Retail Institute)

15.06.2015

In den vergangenen 2.700 Jahren war sich ein Großteil der Menschheit einig, dass Bargeld zu einer wesentlichen Vereinfachung des Warenhandels beiträgt und daher eine grundlegende Voraussetzung für Fortschritt und Wohlstand von Volkswirtschaften ist.

Pikanterweise war es nicht zuletzt das historische Verdienst Griechenlands, der den europäischen Kulturraum um Münzprägung bereichert und Wohlstand beschert hat. Im dunklen Teil Europas nördlich der Alpen dominierten zu dieser Zeit noch Raubmord und Tauschhandel – o.k., auch das hat funktioniert – wenngleich nicht unbedingt mit der Konsequenz zweistelliger volkswirtschaftlicher Wachstumsraten. Allerdings soll es nach dem römischen Germanenexperten Tacitus auch hierzulande zur damaligen Zeit bereits ausgesprochen glückliche und zufriedene Menschen gegeben haben.

Doch wie zu lesen und zu hören war, sind Münzen und auch die erst zu Beginn der Neuzeit entwickelten Geldscheine nicht mehr länger sexy, da – man höre und staune – diese den Zahlungsverkehr ungemein erschweren. Darin sind sich zumindest ein schwedischer Musiker, ein Mitglied des Sachverständigenrats der Fünf Weisen und ein mehr oder weniger bekannter US-amerikanischer Volkswirt einig. Ist also der einstige Segen jetzt zum Fluch geworden?

Situation an der Ladenkasse

Die vorgebrachten „schwerwiegenden“ makroökonomischen Beweggründe eines solchen Bewusstseinswandels wie Schwarzarbeit-Prophylaxe, Geldwäscheprävention, bessere Transparenz (um nicht zu sagen Durchleuchtung), Stärkung der Notenbanken etc. sollen hier gar nicht kommentiert werden. Aber wenn sich ein Mitglied des höchsten volkswirtschaftlichen Beratergremiums unserer Bundesregierung zur Situation an der Ladenkasse äußert, kann das EHI gern zur Klarstellung beitragen.

Ganz nach dem Vorbild unserer Vorfahren sind wir beim Thema „Bezahlen“ in der Tat eher konservativ veranlagt, aber wie schon vor mehr als zweitausend Jahren nicht wirklich unglücklich damit. Nach unseren jüngsten Berechnungen werden noch 53,3 Prozent des Umsatzes und knapp 80 Prozent der Transaktionen im deutschen Einzelhandel mit Bargeld abgewickelt. Diese Daten bestätigt die Deutsche Bundesbank vollumfänglich.

Friedliche Koexistenz von Tradition und Moderne

Allerdings hat sich der kartengestützte Umsatz in den letzten zwanzig Jahren verachtfacht. Es scheint also so, dass es mittlerweile sowohl Freunde konventioneller Zahlung als auch Anhänger von innovativem Payment in unserem Land gibt. Diese friedliche Koexistenz von Tradition und Moderne hat es auch schon vor zweitausend Jahren gegeben – und wo das nicht funktionierte, haben sich die vermeintlich Fortschrittlichen halt mit großen Wällen und Steinmauern vom konservativen Teil der Bevölkerung abgeschottet.

Doch wenn hierzulande etwas wirklich Sinn macht, kann es viel schneller gehen als in anderen Ländern. Auch das ist wohl eine deutsche Eigenart. Wenn man heute einem US-Amerikaner, einem Engländer oder Franzosen erklärt, dass wir vor rund 15 Jahren innerhalb kürzester Zeit den Scheck abgeschafft und durch die für alle Beteiligten effizientere ec-Karten-Zahlung ersetzt haben, schütteln diese nur voller Bewunderung den Kopf. Gerade in den USA verursachen Schecks noch immer immense Kosten in Handel und Kreditwirtschaft. In Deutschland spricht kein Mensch mehr darüber.

Bar ist schneller

Unser volkswirtschaftlicher Vordenker hat darüber hinaus festgestellt, dass „sehr viel Zeit verloren geht, wenn Leute vor Ihnen an der Ladenkasse nach Kleingeld suchen und die Kassiererin nach Wechselgeld“. Ja, natürlich gibt es an jeder Kasse immer mal wieder die ausgesprochen beliebten „KZPs“ (Kunde zahlt passend), aber dennoch wurde und wird eine durchschnittliche Barzahlung nach unseren Studien zwischen 15 Sekunden (Textilhandel, City-Warenhäuser), 22 Sekunden (Lebensmitteldiscounter) und 24 Sekunden (Supermarkt), beginnend mit dem Nennen des Kaufbetrags bis zum Schließen der Kassenschublade, abgewickelt. Nicht mehr und nicht weniger! Das ist der Benchmark für alle Zahlungsalternativen. Und kaum eine andere Zahlung, sei es per Debit- oder Kreditkarte, erreicht unter Vollprozessbetrachtung diese niedrigen Werte. Fakt ist, dass Bargeldäquivalente nur in seltenen Fällen Geschwindigkeitsvorteile an der Kasse bieten.

Das Thema der Systemgeschwindigkeit ist zwar hinter Sicherheit und Kosten mit deutlichem Abstand nur die Nummer 3 unter den Faktoren erfolgreicher Zahlungssysteme, aber doch eine wichtige Säule – insbesondere für stark frequentierte Kassen im Lebensmittelhandel, in Drogeriemärkten oder auch in Bau- und Elektronikfachmärkten. Um eine echte Alternative zum Bargeld zu bieten, haben daher die großen deutschen Einzelhändler in den vergangenen drei Jahren bereitwillig in die Kontaktlostechnologie NFC investiert, bei der das Bezahlen im Vorübergehen möglich wird. Zwar steigen die Nutzungsraten allmählich etwas an, allerdings auf so niedrigem Niveau, dass man durchaus ein gewisses Misstrauen der Kunden unterstellen darf. Vermutlich war das vor zweitausend Jahren beim Zusammentreffen von Germanen und Römern aber auch nicht anders.

Annäherung statt Brechstange

Der Handel hat gelernt, die Bedürfnisse seiner Kunden zu beobachten oder besser noch zu erahnen. Warum sind zum Beispiel noch heute die vielen tausend Kioske, Büdchen und Trinkhallen hierzulande nach wie vor weiße Flecken auf der Akzeptanzkarte neuer Zahlungsarten? Zum einen sicherlich, da geeignete und das heißt vor allem vom Kunden akzeptierte Kleinbetragszahlsysteme für diese Branche fehlen. Zum anderen aber auch, da der Kunde sehr gut mit dem Status quo leben kann. Offensichtlich sind also die technischen Möglichkeiten zumindest für diese Kleinbetragsbranchen noch keineswegs so ausgereift, dass es Kunden und Händlern Spaß machen würde, vehement danach zu verlangen. Von den jährlich 18-20 Mrd. Transaktionen im deutschen Einzelhandel spielen sich aber eben rund drei Viertel im Klein- und Kleinstbetragssegment unter 25 Euro ab. Soll man diese Händler und ihre Kunden nun zwingen, auf ihre einzig wirklich akzeptierte Zahlungsart komplett zu verzichten? Das wird dann wohl so enden, wie der verlustreiche Eroberungsversuch der Römer in den germanischen Wäldern des Jahres 9 unserer Zeitrechnung. Danach hat man es nie wieder mit der Brechstange versucht, sondern auf allmähliche Annäherung gesetzt.

Der mündige Verbraucher

Wir haben in den letzten Jahren immer wieder den Handel gefragt, wer den entscheidenden Anstoß zum Durchbruch eines mobilen Bezahlsystems geben wird. Es ist nicht der Handel, nicht die Kreditwirtschaft und auch nicht Apple, Google & Co. Es ist ganz klar der Verbraucher. Diese Mündigkeit, selbst zu entscheiden, ob neue Bezahlsysteme einen echten Mehrwert bringen, sollte man ihm allein zugestehen – denn damit würde auch die Frage wirklich zuverlässig beantwortet, ob Bargeld ein Anachronismus ist.

Hintergrunddaten aus der Studie „Kartengestützte Zahlungssysteme im Einzelhandel 2015“ finden Sie hier.

Autor: Horst Rüter, EHI Retail Institute