"Vor allem im Bereich Supermarktkälte schlummern erhebliche Einsparpotentiale"

© Carrier Commercial Refrigeration EMEA

Christoph Brouwers: "Die Marktdurchdringung der CO2-Technologie wird sich in Zukunft auf jeden Fall in vielen Applikationen der Kältetechnik fortsetzen."

Ein Supermarkt benötigt viel Energie. Und die wird immer teurer. Betreiber müssen den Energieverbrauch aber nicht nur aus Kostengründen genau im Auge behalten. Viele Kunden legen inzwischen auch großen Wert auf eine nachhaltige Unternehmenskultur bei den Händlern, bei denen sie einkaufen. Christoph Brouwers, Director Integrated Systems bei Carrier Commercial Refrigeration, Europa, Naher Osten und Afrika, spricht im Interview mit EuroShop.de über umfassendes Energiemanagement im Handel und die Trends bei Kälte- und Heiztechnik.

Herr Brouwers, Nachhaltigkeit ist im Moment eines der wichtigsten Themen im Handel. Wie kann ein umfassendes Energiemanagement dabei helfen, die Nachhaltigkeit zu verbessern?

Nachhaltigkeit ist gerade im LEH ein viel diskutiertes Thema. Vor allem im Bereich Supermarktkälte schlummern erhebliche Einsparpotentiale. Diese zu heben, ist besonders wichtig, verursachen doch die Kälteanlagen den mit Abstand größten Elektroenergieverbrauch im Supermarkt. Dennoch wäre es falsch, Kälteanlagen im Supermarkt „isoliert“ zu optimieren, ohne die gewaltigen Energieeinsparpotentiale bei der Integration in die Gebäudetechnik auszuschöpfen.

Wenn es im LEH darum geht, nachhaltiger zu wirtschaften, ist es neben der Integration der richtigen technischen Gebäudeausrüstung und Gewerbekälteanlagen wichtig, auch den gesamten Betrieb nachhaltig zu führen. Hierzu empfehlen wir einen Fernservice. Durch ihn lässt sich dank der kontinuierlichen Online-Überwachung des Betriebes und erlernter Trendentwicklungen eine maximale Energieeffizienz zum Beispiel durch permanente Optimierung der Betriebsparameter erreichen.

Welche Rolle spielt die Kälte- und Wärmetechnik für den nachhaltigen Betrieb eines Supermarktes oder eines Ladens?

Sie spielt eine der wichtigsten Rollen überhaupt, weil die Kältetechnik im LEH eben einer der dominierenden Energieverbraucher ist. Ein weiterer Aspekt ist, dass viele Anlagen auch heute noch mit synthetischen Kältemitteln kühlen. Diese haben ein sehr hohes Treibhauspotential. Außerdem kann niemals garantiert werden, dass in einer typischen Supermarktkälteanlage die kilometerlangen Rohrleitungen und hunderte von Verbindungsstellen im täglichen Betrieb wirklich zu 100 Prozent dicht bleiben.

Carrier konzentriert sich daher schon seit längerer Zeit auf die Nutzung natürlicher Kältemittel, insbesondere auf CO2. Denn wenn das in der Atmosphäre vorhandene CO2 zunächst in hermetische Systeme gebannt und dann wieder freigesetzt wird, kann es als klimaneutral betrachtet werden. CO2 hat für Supermarktkälte außerdem den Vorteil, dass es praktisch unbegrenzt und günstig verfügbar ist.

Eine aktuelle Lösung von Carrier Kältetechnik sind die CO2OLtec-Integralanlagen. Können Sie kurz erläutern, wie eine solche Integralanlage funktioniert?

Jede Kälteanlage produziert auch eine erhebliche Abwärme. Sie wird in der Regel einfach ungenutzt in die Atmosphäre abgegeben. Mit einer CO2OLtec-Integralanlage haben Marktbetreiber jetzt die Möglichkeit, die Abwärme durch Wärmerückgewinnung effektiv zur Beheizung des Gebäudes oder Brauchwarmwassererzeugung zu nutzen.

Dieses Prinzip ist nicht unbedingt neu. Wirklich neu ist allerdings unser Ansatz, mit dem wir die Wärme durch das integrierte System energieoptimiert wieder zur Verfügung stellen. Wenn die Betriebsführung stimmt, kann die Abwärme über den Großteil des Jahres ohne jegliche zusätzliche Energieaufwendung und ohne Verwendung von fossilen Energieträgern zu Heizzwecken genutzt werden.

Wir arbeiten bereits bei der Planung eines Kälte-/Abwärmekonzeptesgewerkeübergreifend mit den jeweiligen Fachplanern zusammen und bilden damit den entscheidenden Grundstein für die zukünftige Gesamtsystem-Lösung. Gepaart mit einer intelligenten, Trend erkennenden zentralen Gebäudeleittechnik können im späteren Betrieb Energiekosteneinsparungen von über 35 Prozent, abhängig vom Energiekostenmix Strom/Gas, Jahr um Jahr eingespart werden.
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CO2-Booster-Kälteanlagen erreichen eine durchschnittliche Energieeinsparung von 13 Prozent gegenüber Anlagen mit dem Kältemittel R404A.

Welche Investitionen sind seitens der Händler nötig, um einen möglichst energieeffizienten Betrieb zu gewährleisten, sowohl bei Neubauten als auch bei der Umrüstung bestehender Standorte?

Die nötigen Investitionen sind je nach Projekt sehr verschieden. Je nach Marktformat – vom kleinen Convenience-Shop bis hin zum großflächigen Verbrauchermarkt – unterscheiden sich natürlich auch die eingesetzten Technologien. Wir haben allerdings die Erfahrung gemacht, dass sich bei Neubauten eine Integralanlage in der Regel in weniger als vier Jahren amortisiert hat. Beim Umbau von Bestandsanlagen muss man aber natürlich das eigene System an die bereits vorhandene Technik anpassen. Hier kann man von einem Amortisierungszeitraum von sechs bis acht Jahren ausgehen, da hier machbare bzw. vorhandene Heizübertragungssysteme die Effizienz begrenzen. Da eine solche Anlage aber durchaus bis zu cirka 15 Jahren genutzt wird, ist es nach wie vor eine sinnvolle und vor allem eine nachhaltige Investition.

Wohin geht die Entwicklung? Welche Technologien werden in Zukunft dazu beitragen, dass die Kühl- und Heiztechnik noch (energie-)effizienter wird?

Wir haben erst vor kurzem 126 verschiedene deutsche Märkte hinsichtlich ihres Energieverbrauchs untersucht. Davon waren mehr als die Hälfte bereits durch die neue CO2-Booster-Technologie für Normal- und Tiefkühlung vertreten. Innerhalb einer Gruppe von 93 Märkten in denen die NK-Regale mit einen Anteil < 20 Prozent mit Glastüren ausgerüstet sind, erreichen die CO2-Booster-Kälteanlagen eine durchschnittliche Energieeinsparung von 13 Prozent gegenüber Anlagen mit dem Kältemittel R404A. Auf Basis dieser Daten sind wir ganz sicher, Einsparungen von 13 Prozent publizieren zu können, wohlwissend, wie groß die Streuung vergleichbarer Märkte mit identischer Technologie von vielen durch den Anlagenbauer nicht beeinflussbaren Faktoren, wie Kundenfrequenz, Warenabverkauf, Schwankungen der Kühlkette, verschiedene Klimazonen usw. sein kann. Darüber hinaus basiert die Studie auf einem in der Branche anerkannten, neutralen Benchmark-Tool.

Die Marktdurchdringung der CO2-Technologie wird sich in Zukunft in vielen Applikationen der Kältetechnik fortsetzen. Derzeit sind in Europa ca. 2.900 transkritische CO2-Booster-Kälteanlagen im Einsatz, davon hat Carrier Kältetechnik Europa allein 664 realisiert. Damit gehört diese Technologie bereits heute zu unserem Tagesgeschäft.

Wir denken, dass die Entwicklung weiter in Richtung natürlicher Kältemittel geht. Die technische Entwicklung zeigt uns, dass Kälteanlagen mit CO2 auch in wärmeren Klimazonen mindestens so energieeffizient genutzt werden können, wie jene mit synthetischen Kältemitteln. Bei der Heizungstechnik wird sich die optimierte Nutzung der Abwärme mehr und mehr durchsetzen.

Interview: Daniel Stöter; EuroShop.de