Überinformiert aber desorientiert - Welches Verbraucherleitbild haben wir?

Der Verband DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT hat sich in einer aktuellen Beitragsreihe auf seiner Homepage mit dem Thema "Verbraucherleitbild" auseinandergesetzt. Die Antworten von 13 Vertretern aus Interessensverbänden, politischen Parteien und Wissenschaft sind auf www.lebensmittelwirtschaft.org nachzulesen.

"Wer wählen und Auto fahren darf, wer eine Wohnung mieten kann und ein Bankkonto führen, dem sollten wir auch zutrauen, sein Essen selbst auszuwählen", sagt Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer des Vereins DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT in Berlin zur aktuellen Debatte um den mündigen Verbraucher. "Wir wollten mit unserer Beitragsreihe zum Verbraucherleitbild jetzt vor der Bundestagswahl allen die Möglichkeit geben, die verschiedenen, teils konträren Verbraucherleitbilder selbst zu lesen und zu vergleichen. Es ist unser Beitrag als Dialogplattform zu den aktuellen Debatten um Veggie-Day und Verbraucherschutz."

Gibt es ihn nun, den mündigen Verbraucher, oder gibt es ihn nicht? Die Meinungen der 13 Autoren gehen weit auseinander. Gerd Billen, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Bundesverband, hält das Leitbild des mündigen Verbrauchers schlicht für "eine Wunschvorstellung, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat". Rund 80 Prozent der Menschen zählen für ihn zur Gruppe der "vertrauenden Verbraucher". "Sie verlassen sich auf die Angaben der Hersteller und die Kontrolle durch Staat und Verbraucherschützer."

Jede Form staatlicher Regulierung sieht dagegen Friedhelm Dornseifer vom Bundesverband des deutschen Lebensmittelhandels kritisch: "Da Kaufentscheidungen komplex sind und durch eine Fülle individueller, situationsabhängiger, rationeller aber auch irrationeller Faktoren beeinflusst werden, kann der Weg dorthin nicht darin bestehen, Konsumverhalten staatlich zu steuern."

Trendforscher Professor Peter Wippermann zeichnet in seinem Beitrag ein sehr differenziertes Bild. Er hält den Verbraucher im Info-Dschungel aus Werbung, Internet und sozialen Medien für überinformiert, aber desorientiert. "Was uns heute begegnet, ist der nervöse Verbraucher, der in bestimmten Situationen eine Art von sozialem Jähzorn entfaltet. Jemand, der leicht gereizt ist, sich tendenziell nicht für die Themen in der Tiefe interessiert, der aber heftig reagiert, wenn er plötzlich das Gefühl bekommt, dass er sich um eine bestimmte Produktionsart oder ein bestimmtes Lebensmittel kümmern muss."

"Mit dem Thema Verbraucherleitbild haben wir eine Serie von Beitragsreihen gestartet, die Lebensmittelthemen aus unterschiedlichen Blickwinkeln darstellen. Die neue Reihe 'Werbung - Idylle vs. Realität' beginnt Anfang September. Ich hoffe, auch sie wird wieder ein gutes Abbild der unterschiedlichen Positionen schaffen," so Stephan Becker-Sonnenschein.

Quelle: DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT e.V.