„Am Ende wollen wir eine Win-Win-Situation zwischen ökonomischen Zwängen und nachhaltigen Anforderungen herstellen“

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Martin Blumberg: "Nachhaltigkeit ist ein Instrument, um wettbe-
werbsfähig zu bleiben."

Martin Blumberg ist Geschäftsführer der Nachhaltigkeitsberatung brands & values. 2011 hat er auf der EuroShop das damals noch junge Thema Nachhaltigkeit auf der Sonderschau „Sustainovation“ vorgestellt. Heute erzählt er im Interview, was sich seitdem im Handel so alles getan hat.

Herr Blumberg, wie haben sich die Themen CSR und Nachhaltigkeit im Handel in den letzten Jahren entwickelt?


Inzwischen ist CSR in vielen Unternehmen fester Bestandteil der Unternehmensführung. Unternehmen haben in den letzten Jahren verstärkt eigenständige ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategien entwickelt, die ihnen helfen, sich den wachsenden regulatorischen Rahmenbedingungen und zunehmendem Marktdruck zu stellen. Im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit geht es hier maßgeblich um die Produktökologie und die Reduktion von CO2-Emissionen.

Welche Nachhaltigkeits-Strategien sind am erfolgreichsten?

Viele Unternehmen haben inzwischen ihr schon existierendes Umweltmanagement erweitert. Viele haben sich vom Schwerpunktthema Energieeffizienz gelöst und ihre Konzepte hin zu einem ganzheitlich effizienten Wirtschaften weiterentwickelt. Konkret erarbeiten und realisieren sie Maßnahmen, um mit ihren Ressourcen effizienter umzugehen. Das umfasst das Abfallmanagement, die Wiederverwertung und nach wie vor die Senkung von Treibhausgasemissionen. Natürlich betreffen diese Strategien auch die Art und Weise, wie Rohstoffe gewonnen und Produkte hergestellt werden. In der Lebensmittelindustrie etwa wird vor allem Wert auf nachhaltige Landwirtschaft und gute Arbeitsbedingungen bei der Rohstoffgewinnung gelegt.

Welche Konsequenzen hat es, nicht nachhaltig zu wirtschaften?

Besonders Produkte wie Kaffee oder Kakao, die unter schwierigen sozialen Bedingungen hergestellt werden, werden inzwischen stärker von kritischen Anspruchsgruppen aufgegriffen. Daraus können für Unternehmen Geschäftsrisiken entstehen, wenn öffentlich bekannt wird, dass sie keine verantwortungsvollen Sourcing-Praktiken haben und mangelnde Verantwortung den Herstellungspraktiken ihrer Vorprodukte gegenüber aufweisen. Im Textilbereich lässt sich das anhand der Arbeitsbedingungen in den produzierenden Ländern und den schädlichen Einflüssen der Industriechemikalien auf Mensch und Umwelt zeigen.

Welche Motivation hat Ihre Kundschaft, sich in Sachen Nachhaltigkeit beraten zu lassen?

Hier gibt es drei maßgebliche Gründe. Erstens: Der zunehmende politische Druck und die sich verschärfende Gesetzgebung. Zweiter Handlungsmotor sind die eigenen Kunden. Der Lebensmitteleinzelhandel hat zum Beispiel seine Anforderung an die Nachhaltigkeit von Markenartikeln erhöht. Damit steigt natürlich auch der Druck auf die Industrie, entsprechende Produkte herzustellen. Und drittens gibt es noch die Verbraucherschutzorganisationen und Nichtregierungsorganisationen, die durch entsprechende Kampagnen die Kunden für verantwortungsvolle Produkte sensibilisieren wollen.

Wie kann man sich die Arbeit in einer Nachhaltigkeitsberatung vorstellen?

Wir bekommen unterschiedliche Anfragen von Unternehmen. Grundsätzlich geht es dabei um die Unterstützung bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien. Die sollen den Unternehmen dabei helfen, kritische Themen in Bezug auf Nachhaltigkeit zu identifizieren und Lösungen zu finden. Die Zielsetzung ist immer, dass Unternehmen am Ende einen nachhaltigen Beitrag leisten können, ohne dabei einen ökonomischen Verlust zu erleiden. Am Ende wollen wir eine Win-Win-Situation zwischen ökonomischen Zwängen und nachhaltigen Anforderungen herstellen.

Darüber hinaus arbeiten wir auch an sehr speziellen Projekten, mit denen Unternehmen ihre Produkte unter sehr klaren Bedingungen nachhaltig optimieren möchten. Und dann gibt es noch Unternehmen, die ein besseres CSR-System brauchen, um die Datenverarbeitung und damit das Nachhaltigkeits-Reporting effizienter zu machen.

Welche CSR-Aspekte sind im Handel am bedeutsamsten?

Grundsätzlich steht der Handel am Ende einer Kette und damit immer wieder als erster im Brennpunkt von Skandalen. Um dem zu entgehen, hat sich der Anspruch des Handels an die Produktsicherheit und als Konsequenz auch an die Produkttransparenz der Industrie verändert. Heute muss für den Handel sicher gewährleistet sein, dass die Endprodukte unter ökologischen, gesetzlichen und sozialen Bedingungen verantwortungsvoll und risikofrei hergestellt wurden. Zusätzlich erwartet der Handel von Unternehmen ein allgemeines, ganzheitlich überzeugendes Nachhaltigkeitskonzept.

Auf der EuroShop 2011 hat brands & values die Sonderschau „Sustainovation“ betreut. Wie groß war das Interesse der Branche am Thema Nachhaltigkeit damals?

2011 war das Thema noch relativ neu und unbekannt. Damals war allerdings auch der Druck von Politik und Verbrauchern noch nicht da. Unternehmen aus den Bereichen Architektur, Laden- und Messebau bekommen inzwischen zunehmend Aufträge, in denen sie Ladenbaukonzepte realisieren sollen, die nicht nur hübsch sind, sondern auch die unternehmensinternen Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen. Das ist eine Entwicklung, die jetzt langsam einsetzt. Es gibt schon einige große Marken wie REWE, Puma und Nivea, die auch ihre Shops, das heißt die Materialwahl und die Energiekonzepte von Ladenbauten unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten gestalten. Dadurch wird für den Kunden der Nachhaltigkeitsanspruch der Marke auch im Laden erlebbar.

Verursacht eine nachhaltige Unternehmensführung Mehrkosten oder steigert sie den Umsatz?

Eine nachhaltige Strategie rechnet sich zweifach für Unternehmen. Einerseits werden potenzielle Risiken aus Gesetzgebung und Politik bezüglich der Unternehmens-Compliance vorzeitig abgewendet. Andererseits bleiben nachhaltig wirtschaftende Unternehmen wettbewerbsfähig, gerade im B2B-Geschäft. Im Bausektor beinhalten auch immer mehr Ausschreibungen Nachhaltigkeits-Anforderungen, ohne die sich interessierte Unternehmen gar nicht erst bewerben können.

Ich persönlich bin eher skeptisch, ob eine nachhaltige Unternehmensführung ein Umsatztreiber im herkömmlichen Sinne ist. Sie ist vielmehr ein Instrument für Unternehmen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und auf Produktebene den Nachhaltigkeitsansprüchen einer zunehmenden Anzahl von Kunden zu genügen.

Das Interview führte Elisabeth Henning; EuroShop.de