„Echtes Mobile Payment steckt hierzulande immer noch in den Kinderschuhen“

© E-Commerce-Center (ECC) am IFH Köln

Svenja Groß: "Es wird sich die Lösung durchsetzen, die es schafft, die Kanäle bestmöglich zu verzahnen."

Mobilen Bezahllösungen mit Smartphones und Tablets wird seit einiger Zeit der große Durchbruch vorhergesagt. 2013 soll es nun zu einem flächendeckenden Einsatz kommen. Im EuroCIS-Interview erläutert Svenja Groß, Projektmanagerin beim E-Commerce-Center (ECC) am IFH Köln, welche Lösungen momentan bereits genutzt werden und welche die besten Chancen haben, sich am Markt durchzusetzen.

Wie ist die aktuelle Situation bei der Nutzung von mobilen Geräten (Smartphones / Tablets) beim Bezahlen in Deutschland und wie werden diese im Rahmen des Kaufprozesses noch genutzt?

Unsere Studien zeigen, dass mehr als ein Drittel der deutschen Online-Shopper bereits über ein mobiles Endgerät online eingekauft hat (bspw. „Erfolgsfaktoren im E-Commerce-Deutschlands Top Online-Shops Vol. 2“ oder die Neuauflage unserer IZV die in Kürze veröffentlicht wird).

Momentan nehmen Smartphones oder Tablets aber eher eine Informationsfunktion (bspw. über Anbieter, Preise, lokale Anfragen) ein, vor allem „echtes“ Mobile-Payment (abgesehen von Web-Payment über den Browser oder In-App-Payment) steckt hierzulande – auch was das Umsatzvolumen angeht – immer noch in den Kinderschuhen, anders als beispielsweise in Japan oder auch Österreich.

Der lang angekündigte Durchbruch blieb bislang aus und man gewinnt häufig den Eindruck, Handel und Verbraucher sind sich über die Potenziale bzw. Mehrwerte unsicher. Die Lösungen sind teilweise unausgereift und bisher konnte sich kein Standard am Markt durchsetzen, auch da viele Marktakteure an den verschiedensten Lösungen arbeiten. Die Prognosen schwanken von sehr verhalten bis extrem positiv.

Welche Anbieter/welche Lösungen sind im Moment am Markt erfolgreich und wie unterscheiden sich die unterschiedlichen Lösungsansätze?

Aus Anbietersicht hat natürlich jedes Verfahren seine spezifischen Vorteile für Händler und Konsumenten, am Ende des Tages ist jedoch die Frage, ob diese USP’s beim Kunden (in dem Fall Händler) oder letztlich beim Endverbraucher, der das Verfahren nutzen soll, auch ankommen. Zur Zeit hören wir fast wöchentlich über neue Vorhaben und Verfahren, die in den Markt kommen oder kommen sollen; und verschiedenste Marktakteure (Banken, Mobilfunkanbieter, PSP’s etc.) setzen sich mittlerweile auch gemeinsam an einen Tisch, um an Lösungen zu arbeiten und bestehende Ideen voran zu treiben. Das ist sicherlich positiv. Dennoch konnte sich – anders als im e-Payment – noch kein Verfahren nennenswert durchsetzen und davon, dass die Masse mit mobilen Endgeräten bezahlt, sind wir momentan weit entfernt. Die technischen Voraussetzungen sind da, aber die Akzeptanz auf Händler- und Verbrauchersicht ist noch ausbaufähig…ohne einen weitgehend einheitlichen Standard auch schwer zu erreichen.

Welche Mehrwerte bietet die Nutzung von mobilen Endgeräten für Händler und Verbraucher?

Laut aktuellen Studien sind mögliche Potenziale von mobilen Endgeräten in Bezug auf Payment für Händler beispielsweise die Zeitersparnis an der Kasse (Potenziale zur Reduktion der Dauer des Bezahlprozesses), die Reduzierung des für den Handel kostenintensiven Bargeldes oder Imagepotenziale durch Erlebnisfaktor für den Verbraucher.

Generell bieten Smartphones für die Endverbraucher einen zusätzlichen Informations- und Kaufkanal. Heute schon informieren sich rund ein Drittel der Smartphonebesitzer mehrmals im Monat direkt im Laden mit dem Smartphone (ECC-Studie „M-Commerce in Deutschland – Die Rolle des Smartphones im Kaufprozess“). Den Händlern bietet sich die Möglichkeit, den stationären Handel und die Online-Welt zu jeder Zeit neu miteinander verknüpfen zu können und Kunden zielgruppenspezifisch und kanalunabhängig das passende Angebot zu bieten. Auch Marketingmaßnahmen wie Couponing können über das mobile Bezahlen noch einfacher genutzt werden.

Für den Endkunden ist der wesentliche Mehrwert, mit dem Smartphone, dass nahezu jeder stets bei sich hat, zu jederzeit und an jedem Ort auf alle möglichen Informationen (z. B. Preise) zugreifen und darüber hinaus auch Transaktionen auszulösen zu können.

Was sind die Herausforderungen, denen sich Retailer stellen müssen, um der zunehmenden Nutzung von mobilen Lösungen zu begegnen?

Händler brauchen hier zurzeit ein gewisses Maß an "Risikofreudigkeit“ – eine Einstellung wie „solange der Kunde das nicht fordert, sehen wir keinen Handlungsbedarf“ ist verständlich, wird das Thema aber nicht voran bringen (Henne-Ei-Problem). Bei dem Heranführen der Kunden an neue Verfahren sind bei der Einführung eines Verfahrens im Handel aber auch die Anbieter gefragt, gemeinsam mit den Händlern an der Akzeptanz der Verbraucher zu arbeiten. Zudem kosten die bisher genutzten Verfahren (Bargeld, Kreditkarte, Lastschrift) den Handel bereits viel Geld, daher sehen nicht wenige (noch) keinen Nutzen oder Spielraum für zusätzliche Stationen in der Wertschöpfungskette. Da braucht es Händler, die auch bereit sind, sich auf neue Verfahren – und die damit verbundenen Risiken – einzulassen.

Zudem gilt es, diverse Anforderungen der Endverbraucher zu berücksichtigen (u. a. Datensicherheit, Abrechnungsverfahren, Akzeptanzstellen, Benutzerfreundlichkeit, Mehrwerte über das Bezahlen hinaus) und mit den eigenen Anforderungen (u. a. Daten- und Zahlungssicherheit, IT/Integration in bestehende Prozesse, Reichweite, flexibles (transaktionsabhängig und fix) und transparentes Gebührenmodell, etc.).

Die Integration in die Kassensysteme des Handels ist sicherlich ein großes Problem, wenn es nicht auf ein bestehendes Kredit- oder Debitkartenschema aufsetzt. Daher werden häufig erst einmal eher QR Code Apps genutzt, um Zahlungen per Smartphone an Kasse zu ermöglichen. Im Gegensatz zu NFC sind diese bereits verfügbar und flexibler einsetzbar. Oder Anbieter setzen auf mobile Kartenlösungen. Das sind aber zumeist Übergangslösungen die mit wirklichem M-Payment wenig zu tun haben.

Welche Lösung / Lösungen für Mobile Payment werden sich Ihrer Meinung nach am Markt durchsetzen?

Die, die es schafft, die Kanäle bestmöglich zu verzahnen und dem Kunden in jeder Situation die Wahl zu lassen – sei es bei der Wahl des Kanals (online, Smartphone, stationär) als auch bei der Wahl der Payment-Methode, über die die Transaktion tatsächlich ausgelöst wird. Multi-Channel-Payment ist also aus meiner Sicht ein wichtiges Thema. Vor diesem Hintergrund finde ich den Ansatz von „Yapital“ recht interessant. Interesse ist ja zum großen Teil bei Handel und Konsumenten vorhanden und die Akzeptanz befindet sich im Aufbau. An diversen – und wieder konkreten – Marktaktivitäten verschiedener Marktteilnehmer/ Pilotprojekte merken wir die Ernsthaftigkeit, mit der viele Unternehmen an die Sache herangehen. Die technischen Möglichkeiten sind heute vorhanden, neue und alte Ansätze sind auf dem Prüfstand. Welche als Übergangslösungen fungieren und welche Verfahren sich aber wirklich durchsetzen, bleibt abzuwarten; ich glaube aber eher an Lösungen, die das Smartphone auch tatsächlich in den Informations- und Kaufprozess einbinden und Mehrwerte über die Zahlfunktion hinaus bieten, wie bspw. Wallet-Funktionen.

Das Interview führte Daniel Stöter; EuroCIS.com