„Nicht jede Lösung ist für jeden Kunden gleich gut geeignet“


Interview mit Jan Kröger, Geschäftsführer Hafner-Muschler

Bei Neubauten im Lebensmittelhandel werden noch zu viele Einsparmöglichkeiten verschenkt, meint Jan Kröger, seit Januar 2010 Geschäftsführer von Hafner-Muschler. Vorher war er 15 Jahre beim Wettbewerber Epta, zuletzt unter anderem verantwortlich für das Deutschland-Geschäft. HM ist Spezialist für Kältetechnik, Hydraulik, Kälte-Wärme-Verbundsysteme und Geothermie. Die Firma aus Balingen präsentierte auf der EuroShop ein Pilotprojekt mit Aldi Süd. Wird daraus mehr werden? Lohnt sich die Energiespeicherung im Boden? Wie lassen sich regenerative Energien sinnvoll nutzen?

Sie haben im Herbst mit Aldi Süd ein Pilotprojekt zur Energieeinsparung realisiert. Was wurde gemacht?


Es handelt sich um eine Aldi-Filiale in Rastatt, die auf dem Gelände einer alten Filiale neu aufgebaut wurde. Die Verkaufsfläche ist recht groß und umfasst rund 1100 m2. Das Filialkonzept bei Aldi Süd ist heute schon auf technisch hohem Niveau. Unser Ziel ist es, auf dem etablierten Standard noch mal 47 Prozent Energie einzusparen. Bei diesem Projekt handelt es sich um ein echtes Pilotprojekt: Es geht primär darum, die Maßnahmen zu untersuchen und entsprechende Daten auszuwerten. Wir wollen Erkenntnisse gewinnen, wie die Systembausteine optimal aufeinander abgestimmt werden können – und natürlich auch beweisen, welche Einsparpotenziale mit einem intelligenten Konzept tatsächlich möglich sind. Entwickelt wurde das Projekt in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme. Die Freiburger Forscher werten den Energieverbrauch des Marktes längerfristig im Detail aus.


Im Handel gibt es einige grüne Pilotprojekte, die dann einmalig bleiben. Sehen Sie bei Aldi eine Chance, dass wirklich viele Märkte nach dem Vorbild um- oder neu gebaut werden?

Wir haben in diesem Projekt in der Gebäudetechnik ausschließlich skalierbare Lösungen verbaut. Dies war immer ein wichtiger Fokus. Wir wollen den Erfolg der Systeme unter Beweis stellen. Erfolg bedeutet nämlich auch, dass sich eine Mehrinvestition wirtschaftlich darstellen lässt. Ich bin überzeugt, dass einzelne Systembausteine aus diesem Projekt in die Serie übernommen werden können.


Welche Anlagen und welche Steuerungstechnik sind nötig um die Abwärme beim Kühlen fürs Heizen zu nutzen?

In einem traditionell gebauten Haus kann die Abwärme der Kälteanlage nur zu einem Bruchteil zur Heizung verwendet werden. Zunächst muss ein Gebäude mit einer entsprechenden Dämmung angepasst werden, einer effektiven und bedarfsgeführten Lüftung und – am wichtigsten – mit einer Flächenheizung. Ein derart abgestimmtes Gebäude wird dann mit einer Heizungsvorlauftemperatur von rund 30°C auch im Winter ausreichend warm. Bei einer so geringen Heizungsvorlauftemperatur kann die Abwärme der Kälteanlage wirklich zu 100 Prozent ausgenutzt werden. Hier liegt der Hase im Pfeffer: Denn so können 80 bis 85 Prozent der Gebäudewärme im Supermarkt mit der Kälteanlage gedeckt werden. Der Rest wird von einer Wärmepumpe oder einem Gasbrenner geliefert. Für eine solch systemübergreifende Anlagentechnik braucht man eine zentrale Steuerung. Dafür programmieren wir unsere Software derzeit selbst und schaffen uns damit den idealen Freiheitsgrad, alles genau so zu steuern, wie wir es benötigen.


Sie speichern bei dem Aldi-Projekt die im Sommer überflüssige Wärmeenergie im Boden unter dem Parkplatz. Wie hoch werden die Wärmeverluste sein? Wäre ein isolierter Wassertank nicht effizienter?

Wir fahren Wärme, die wir in den Sommermonaten quasi kostenfrei erhalten, in den Erdboden. Wenn die Wintersaison beginnt, ist dann das Erdreich wärmer, was den Wirkungsgrad der Heizungswärmepumpe deutlich verbessert. Wenn die Wärme jetzt abgefahren wird, sinkt die Temperatur der Erdumgebung um die Sonde herum auf ein normales Niveau und folgend leicht darunter. Aus dem Erdreich strömt dann aber weitere Wärme in Richtung der Sonde und versorgt die Wärmepumpe mit Wärme.

Bei einem isolierten Wassertank haben Sie nur die aktiv eingebrachte Wärme im Tank. Wenn diese verbraucht ist, kommt nichts mehr nach. Stellen Sie sich vor, es kommt ein langer, harter Winter. Wenn das Wasser im Tank irgendwann kurz vor dem Gefrierpunkt ist, haben Sie keinen Puffer mehr. Im Gegensatz zum Erdreich stellt sich im Wassertank keine Regeneration ein.

Wir nutzen Wassertanks als zusätzlichen Temperaturpuffer, wenn diese sowieso im Gebäude vorhanden sind. Mann kann solche Löschwassertanks in einem Logistik-Gebäude je nach Tankgröße circa zwei bis vier Wochen nutzen, um über eine Wärmepumpe den vollen Heizbedarf abzudecken.


Was spricht für Betonkerntemperierung? Ist die Bodenheizung auch in bestehenden Märkten machbar?

Die Betonkerntemperierung ist für Neubauten zu empfehlen. Das Besondere ist dabei die niedrige Vorlauftemperatur der Heizungsanlage. Nur so lässt sich die Abwärme der Kühlanlagen effektiv nutzen. Für bestehende Märkte haben wir andere Möglichkeiten mit Flächenheizungen, um einen vergleichbaren Effekt zu erzielen. Wir arbeiten bei Umbauten zum Beispiel mit Deckenstrahlgeräten unserer Schwesterfirma Zent-Frenger, die auch sehr effektiv die Wärme verwerten.


Welche Möglichkeiten sind sinnvoll, um regenerative Energiequellen kosteneffizient zu nutzen?

Ich kann für jeden Kunden eine ideale Lösung finden, aber nicht jede Lösung ist für jeden Kunden gleich gut geeignet. Man muss immer das Gebäude und den Standort betrachten. Wir haben alle Komponenten unserer Systemtechnik in einer Matrix geordnet. Lässt sich an einem Standort beispielsweise Geothermie oder Grundwasser nutzen? Wir haben alle technischen Möglichkeiten, auch unkonventionelle Dinge wie Löschwassertanks oder die Aktivierung von Fundamenten zu nutzen. Wir vergeben in der Konzeptionsphase Punkte für die ausgewählten technischen Details und können unseren Kunden dann sagen, in welche HM-Energieeffizienzklasse die Gesamtlösung fällt. Ziel ist, an jedem Standort die optimale Kombination der Komponenten zu bieten.


Die Nutzung von Grundwasser erfordert eine behördliche Genehmigung. Wie ist die rechtliche Lage?

Wir beantragen die Nutzung von Grundwasser in einer Voranfrage bei der unteren Wasserbehörde. Das ist eigentlich sehr unbürokratisch. Dabei werden die Wassermengen und die Temperaturen festgelegt. Grundwasser ist oft verfügbar. Die effiziente Nutzung hängt von der Wasserqualität und von der Tiefe des Brunnens ab. Da das Wasser noch nach oben gefördert werden muss, benötigt man um so mehr Energie, je tiefer der Brunnen ist. Die Behörden achten in der Regel darauf, dass im laufenden Prozess ebenso viel Wasser eingeleitet wie entnommen wird und die Temperaturen in ökologisch verträglichen Grenzen liegen. Das sind Grundsätze für die nachhaltige Grundwassernutzung.


Wie groß schätzen Sie das Einsparpotenzial im deutschen LEH ein, würde man alle Kühlanlagen sofort auf den neuesten technischen Stand bringen?

Das ist eine schwierige Frage. Aber ich bin spontan und sage: Pauschal über alle Anlagen im LEH 25 Prozent. Viel interessanter wird es allerdings, wenn Sie fragen: Wie viel kann im gesamten Gebäude an Gas oder Öl gespart werden? Dann würde ich das Potenzial auf 35 bis 40 Prozent schätzen.

 
 

Vertragsunterzeichnung auf der EuroShop
Welche Umrüstung lohnt sich bei Bestandsimmobilien?

Bei einer Renovierung wird immer die Kälteanlage angefasst. Die Lichtbänder werden in der Regel ebenfalls erneuert. Wenn die Decke schon mal freigeräumt ist, kann auch eine Flächenheizung montiert werden. Mit einer neuen Kälteanlage, Wärmerückgewinnung und den Niedertemperaturheizungen ist die Anlage komplett. Der Brenner muss dann nur noch geringfügig nachheizen – das Gebäude ist insgesamt wesentlich effektiver als zuvor.


Was kann eine Metzgerei mit Kühlraum und Kühltheke tun in Sachen Energieoptimierung? Oder eine Konditorei?

Letztlich das Gleiche wie ein Supermarkt. Die Kälteanlage ist kleiner, aber auch die Fläche mit dem Wärmebedarf. Ein Metzger oder Konditor wird viel warmes Wasser brauchen – deshalb sollte ein Kältemittel verwendet werden, das hohe Druckgastemperaturen erzeugt. So kann das warme Wasser effektiv produziert werden.


Gibt es für kleinere Händler staatliche Förderprogramme?

Die Förderprogramme sind an Größen gekoppelt. Das ist ein Problem. Nach meinem Wissen hat die Politik das im Auge und arbeitet an Förderprogrammen für kleinere Verbrauchszahlen. Es gibt nach meinem Wissen auf Landesebene Förderung und durch die KfW gibt es ebenfalls Zuschüsse, die sich lohnen.


Wer sind Ihre wichtigsten Kunden, wo sind die boomenden Absatzmärkte?

Wir arbeiten mit allen Handelsunternehmen zusammen. Deutschland hat aus meiner Sicht eine Vorreiterrolle bei den Gesamtenergiekonzepten. Es ist schade, dass auch bei Neubauten noch viel konventionell gebaut wird. Hier werden noch zu viele Einsparmöglichkeiten verschenkt. Es sind in den letzten Wochen viele Kunden aus dem Ausland auf mich zugekommen, die unsere Technologie nutzen möchten – besonders aus Österreich und Osteuropa.


Welche Messe-Bilanz ziehen Sie nach der EuroShop 2011?

Die Messe war für uns ein großer Erfolg. Highlight bei uns war natürlich der Vertragsabschluss mit Aldi Süd. Man verhandelt auf dieser Messe ja keine Aufträge, aber wir haben zwei Neuaufträge mündlich zugesagt bekommen. Das hat uns natürlich auch gefreut.


Interview: René Schellbach, EuroShop.de

 
 

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