Chinas Shopping-Paradies

Ute Holtmann, EHI Retail Institute, berichtet über ihre Retail-Erlebnisse in China

Foto: China bei Nacht

China meldet für das erste Quartal in diesem Jahr ein Wachstum von 6,5 Prozent – und die sogenannten Wirtschaftsexperten schlagen Alarm.

Alarm bei über 6 Prozent! Ja, das ist im Vergleich zu den zweistelligen Raten in den Jahren bis 2016 verhalten. Aber in Relation zum deutschen Markt sind die Verhältnisse immer noch geradezu paradiesisch, wie Kurt Jox, Managing Director des Möbelhändlers Porta, auf der C-star Retail Conference im Mai feststellt. Man sollte sich also keinesfalls von den Negativ-Schlagzeilen der Journaille beeinflussen lassen, die nahezu panisch auf das abgeschwächte Wirtschaftswachstum reagiert.

Die neue Freude am Konsum

Gut 1,3 Mrd. Menschen beheimatet das Land, davon mehr als die Hälfte in großen – für unsere Verhältnisse teils gigantischen – Städten. Die Urbanisierung galt der chinesischen Obrigkeit als wichtiger Faktor für das Wirtschaftswachstum. Und die Stadtmenschen möchten nun auch konsumieren! Zu lang war es in Chinas Einheitspolitik nur wenigen gegönnt, die Freuden des Konsums zu genießen. Chinesen shoppen gern – stationär, viel online und sehr viel mobil. Schon in 2015 galt China als größter E-Commerce-Markt weltweit. Und allein im letzten Quartal 2015 haben Chinesen für über 80 Mrd. Dollar von ihren Handys aus eingekauft.

Fische in einem Aquarium zum Verkauf
Einmal sehen ist besser als hundertmal hören…

…, sagt ein chinesisches Sprichwort. Gesagt, getan. Von der Shopping-Vielfalt der Metropolen wollte ich mir selbst einen Eindruck verschaffen und bin in das Einkaufsparadies Shanghai gereist. Rund 220 Shopping-Center und 110 Warenhäuser gibt es hier. Das ist auch für die rund 23 Mio. Einwohner der Stadt viel – und für mich in einer Woche nicht zu schaffen. Aber ein paar ausgewählte Beispiele habe ich mir angesehen.

Von Fröschen und Fischen

Beginnen wir mit Carrefour. Ein Lebensmittelhändler, der seit seinem Markteintritt in 1994 in China 236 Hypermarkets mit einem jährlichen Netto-Umsatz von € 4,9 Mrd. betreibt. Besonders das große Sortiment an importierten Produkten und der Frische-Bereich auf insgesamt 15.000 qm Verkaufsfläche ziehen chinesische Verbraucher an sieben Tagen der Woche an. Lebende Fische werden aus den Aquarien gefischt und in Wasser-gefüllten Plastiktüten aus dem Geschäft getragen. Manche Fische schaffen es auch, aus eigener Kraft aus dem Becken zu hüpfen. Das hilft ihnen aber nicht, ihrem Schicksal zu entgehen. Frösche, Schildkröten und allerlei andere für den europäischen Geschmack außergewöhnliche Tiere stehen auf dem Speiseplan der Chinesen und gehören zum Standardsortiment an Lebendigem bei Carrefour. Überhaupt geht es in der Fisch- und Fleischabteilung lebendig zu. Dem Wunsch nach Frische entsprechend, werden viele Tiere oder Teile derselben vor den Augen der Kunden zerlegt. An zahlreichen Stellen bereitet das Verkaufspersonal chinesische Spezialitäten zu und während der Kochdunst ein wenig den Blick vernebelt, regen exotische Gerüche den Appetit erheblich an.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Foto: Fleischtheke mit Kunden

Etwas ungewöhnlich für Europäer ist das chinesische Bedürfnis, die Ware vor dem Kauf eingehend zu prüfen. Daher werden die meisten Produkte in der Frischeabteilung offen präsentiert und müssen nicht nur – wie bei uns üblich – den prüfenden Blicken der potentiellen Käufer standhalten. Auch eine eingehende haptische Untersuchung geht dem Kauf von zum Beispiel frischem, unverpacktem Fleisch voraus. Daher sind die Theken mit Frischfleisch bei Carrefour nicht mit deutschen vergleichbar: Ob Schweine- oder Hühnerfuß – alles liegt in einer offenen Kühltheke bereit, aus der die Kunden das Stück herausnehmen, das ihrer eingehenden Prüfung standgehalten hat, und das sie selbst in Plastiktüten verpacken.

Imponiert hat mir ein besonderer Service des Lebensmittelhändlers: Da viele Chinesen nicht so mobil sind, wie wir das aus Deutschland kennen, bietet Carrefour seinen Kunden einen kostenlosen Shuttle-Service an.

Übrigens: Es gibt auch optimistische Medien. ‚Chinas Wachstum kriegt die Kurve‘, titelte kürzlich erst das Manager Magazin. 

Autor: Ute Holtmann, EHI im September 2016

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