Editions de Parfums: Wie die Reise in eine andere Welt

Das Produkt steht an erster Stelle

Photo: Store Editions de Parfums in Paris; copyright: Roland Halbe

© Roland Halbe 2016

30.05.2017

Die neue ParfumBoutique von Frédéric Malle wurde 2016 im Pariser Bezirk Le Marais eröffnet. Es ist eines der ersten Einzelhandelgeschäfte, das von den Architekten Jakob+MacFarlane entworfen wurde. Hoffentlich wird es auch nicht das letzte sein, denn der Laden fasziniert durch einen äußerst überraschenden und individuellen Look. Wir fragten Brendan MacFarlane, wie sich die winzige kleine Fläche in einen scheinbar unendlichen Raum verwandelte.

Brendan, was ist das Besondere an dem neuen Store von Frédéric Malle?

Die größte Überraschung beim Betreten der Boutique ist, dass man nicht weiß, wo sie endet. Das haben wir erreicht, indem wir reflektierende Wände schufen. Die Decke besteht aus poliertem und der Boden aus matt gebürstetem Edelstahl. Die Boutique ist mit 24 Quadratmetern sehr klein, aber mithilfe der gespiegelten Wände, Decke und des Fußbodens scheint der Raum fast unendlich groß zu sein. Mit den Spiegeln wollten wir das Gefühl erwecken, dass man sich in einem viel größeren Raum befindet und auch die Empfindungen zeigen, die ein Parfum erwecken kann. Es hat die Möglichkeit, dich in die Vergangenheit zurückzuversetzen oder auch in einen ganz anderen Gefühlsraum zu katapultieren – wie eine Reise in eine Parallelwelt. 

Foto: Store Editions de Parfums in Paris; copyright: Roland Halbe

Frédéric Malle hat ein Team von zwölf Parfumeuren, die die Düfte kreieren. Ihre Portraits sind auf Bildern in der Boutique zu sehen.

Warum wählten Sie diese Art von Regalen?

Die Regale, die wir entwickelten, ähneln Bücherregalen. Das ist bereits seit längerem das Markenzeichen von Frédéric und er hat schon immer ein Parfum als eine Art Neuauflage betrachtet, im Sinne einer Buchedition, um dann nach und nach eine Serie von Büchern zu veröffentlichen. Gerade wegen dieser Parallele sieht er sein Geschäft als eine Art Buchladen.

Darüber hinaus war Frédéric besonders am Standort des neuen Geschäftes im Le Marais-Bezirk interessiert, da er am Rande eines sehr wichtigen Galeriebezirks und einer Einkaufsstraße in Paris liegt. Dieser Bereich ist bei Touristen und jüngeren Leuten beliebt und daher eine sehr dynamische Einkaufsstraße, vor allem auch an den Wochenenden. Er war sich dieser Art von Kunstpräsentation sehr bewusst. Das gab uns den physischen Kontext – und dann unterhielten wir uns über Kunst, Reisen und die Kreation von Parfum und Architektur. Wir als Architekten waren daran interessiert herauszufinden, ob es irgendwelche Parallelen zwischen der Parfum- und Architekturwelt gibt. 

Also stellten wir uns den Laden als eine Art Galerie und Buchladen vor. Deshalb benutzten wir eine Holzkonstruktion, die es uns ermöglichte, nur ein einziges Parfum oder eine Kollektion zu präsentieren. Ein Großteil bei der Entwicklung des Ladens ist ein Wechselspiel zwischen einem einzigartigen Objekt und diesem einzigartigen Objekt als Teil eines größeren Ganzen.

Foto: Shelves and lighting in the store Editions de Parfums in Paris; copyright: Roland Halbe

Was genau spielt sich auf den Tischen in der Mitte des Ladens ab?

In der Mitte der Boutique stehen vier kleine Tische, an denen der Kunde sich hinsetzen und das Bouquet der Parfums riechen kann. Mithilfe dieses “Rituals” und der Verwendung von Spiegeln wollte Frédéric erreichen, dass die Kunden sich ein bisschen mehr Zeit nehmen und zur Ruhe kommen.

Die Beleuchtung spielte eine wichtige Rolle in diesem Ladenkonzept.

Richtig! Eine der großen Erfolgsschlüssel im Einzelhandel ist die Beleuchtung. Wir spielen mit den Emotionen und Erwartungen der Kunden, indem wir die Stimmungslage in der Boutique verändern. Das Gleiche gilt auch für die Architektur – wobei wir es allerdings bei der Architektur mit einem festen Medium zu tun haben. Mit Licht hat man die Möglichkeit, diese Empfindungen zu verändern. Es liegt damit sehr nahe am Theater, wo man auch Gefühle und Stimmungen mit verschiedenen Arten von Licht erzeugen kann. 

Wie würden Sie die Umsetzung und Funktion der Beleuchtungselemente beschreiben?

Wir haben drei Arten von Licht eingesetzt. Die erste ist eine Beleuchtung von unten – was ich Mikrobeleuchtung nenne. Das Licht ist sorgfältig unter eine Glasscheibe mit einem winzigen LED-Licht versteckt, das den Inhalt jeder einzelnen Flasche beleuchten kann. 

Die zweite Beleuchtung kommt von einer Lichtquelle hinter der Wand der Boutique. Sie beleuchtet alle Seiten der jeweiligen Regale. Ihre weiße Oberfläche streut das Seitenlicht hin zur Flasche ins Innere der Boutique. 

Die dritte Beleuchtung ist ein Makrolicht – eine Beleuchtung mit Spots. Diese verstellbaren schwarz lackierten Spots sind in der Decke untergebracht. Das Besondere daran ist, dass wir damit eine 24-Stunden-Beleuchtungsanlage haben, die über den Computer kontrolliert wird. Im Laufe des Morgens haben wir ein sehr weiches, schwaches Licht, im Laufe des Nachmittags dann ein mittleres Licht und etwas später schließlich ein sehr helles Licht. Kurz vor Ladenschluss glüht das Licht wie brennende Kohle in einem Feuer. Das ist wirklich eine Augenweide!

Foto: Frontansicht des Editions de Parfums in Paris; copyright: Roland Halbe

Welche Materialien wählten Sie für den Laden?

In der Boutique haben wir einfache Materialien wie Edelstahl und Holz verwendet – um das Konzept sehr einfach zu halten. Frédéric legt besonders großen Wert auf natürliche und organische Materialien für seine Parfums. Daher spiegeln die verwendeten Materialien im Laden diese Kontinuität wider und stellen eine Beziehung zum Produkt her. Das Produkt steht an erster Stelle und man sollte seine Stellung nicht mit einer falschen Art von Architektur mindern. 

Was halten Sie von Nachhaltigkeit im Ladenbau und in der Architektur?

Ich denke, Nachhaltigkeit ist ein globales Thema. Im Einzelhandelsbereich kommt es immer stark darauf an, was verkauft wird. Wenn man ein hochtechnologisches Produkt verkauft und dies eventuell nicht das Thema Nachhaltigkeit anschneidet, dann wäre es sicherlich ein wenig widersinnig, das dann als einzige nachhaltige Komponente miteinzubringen. Wenn es jedoch zu dieser Boutique passt – sehr gern, warum eigentlich nicht? Man sollte sich immer darauf besinnen, wofür ein Produkt steht. Und man sollte realistisch bleiben – die Kunden kommen zu Ihnen. Man kann nicht immer an nachhaltigen Aspekte arbeiten, denn die Welt ist sehr komplex.

Foto: Brendan MacFarlane and Dominique Jakob ; copyright: A. Tabaste NB

Die Architekten Brendan MacFarlane und Dominique Jakob hauchten dem Parfumstore Leben ein.

Die berühmten Parfumsäulen, bei denen Kunden die Düfte riechen können und die ein Markenzeichen von allen Frédéric Malle Läden sind, werden in dieser Boutique anders eingesetzt.

Ja genau, man kann sie in diesem Laden nicht direkt sehen, da wir sie hinter der verspiegelten Wand im hinteren Teil der Boutique verstecken, um zunächst den Eindruck der Unendlichkeit hervorzuheben. Früher benutzte Frédéric transparente Glaszylinder in allen seinen Läden, die das Parfum versprühten. Das ermöglicht es dem Kunden, das Parfum zu riechen, ohne dass es den ganzen Laden überflutet. Nach dem Gebrauch schließt sich die Tür und die Säule füllt sich mit frischer Luft.

In diesem Fall haben wir die Säulen schwarz lackiert und auf der Rückwand wird ein kleines Video von einem Feuer abgespielt. Das war eine persönliche Vision von Frédéric. Damit präsentiert er eine weitere sensorische Erfahrung im Store.

Wie passen Ihrer Meinung nach das Ladendesign und die digitalen Elemente generell zusammen?

Die digitalen Elemente und die Architektur sollten alle ein Teil der gleichen Sache sein. Das wird immer wichtiger – vor allem, wenn es um Aspekte wie Augmented Reality geht, die wir ja bereits häufig bei Projektentwicklungen benutzen. Es ist die Schnittstelle zwischen der realen und der virtuellen Welt, die ich persönlich so spannend finde. Ich glaube am Ende sind die kreativsten Räume der Welt die, wo Menschen eine Idee haben. Und wir schauen uns dann nach dem um, was um sie herum geschieht.

Ich denke, es wird sicherlich interessant sein, wie sich das Zusammenwirken entwickeln wird zwischen der Schnittstelle von Online-Einkäufen oder dem Blick auf die eigene Schnittstelle wie das Smartphone und wie sie den Bezug zu einer größeren Allgemeinheit herstellen kann, so wie es bereits im stationären Handel geschieht. Dort gibt es eine unglaubliche Vielfalt an Kreativität.


Interview: Natascha Mörs; EuroShop
Erstveröffentlichung auf iXtenso.com