Frische Luft sehr gerne, aber bitte keine Zugluft


Kunden und Mitarbeiter sollen sich in Filialen und Fachgeschäften wohlfühlen. Während das Ambiente, die präsentierte Ware, die Beleuchtung ins Auge fallen, spielt sich die Klimatechnik hinter den Kulissen ab. Erst wenn hier etwas nicht funktioniert, fällt es auf: Es wird zu heiß oder zu kalt, die Menschen klagen über Zugluft, den Mangel an Frischluft oder störende Geräusche.

Heizen und Kühlen sind wichtige Kostentreiber im Handel. Die EHI-Studie „Energiemanagement im Einzelhandel 2010“ hat ermittelt, dass im Food-Handel über 55 Euro pro Quadratmeter Verkaufsfläche für Energie anfallen, wobei die Kühlung mit 44 Prozent der größte Stromverbraucher ist. Im Nonfood-Handel müssen im Schnitt nur 31 Euro pro Quadratmeter Verkaufsfläche für Energie aufgebracht werden. Den größten Anteil mit 65 Prozent verursachen die Kosten für Beleuchtung.

Am deutlichsten hat sich laut EHI die Investitionsbereitschaft des Handels im Bereich Gebäudetechnik und Bau verändert. Nur knapp 28 Prozent der befragten Händler waren 2008 bereit zu investieren, dagegen waren es 2010 mit knapp 53 Prozent beinahe doppelt so viele. Ein energetisch optimiertes Gebäude, innovative Versorgungstechnik oder der Einsatz regenerativer Energien sorgen für eine hohe Energie- und Ökoeffizienz und sind deshalb für viele Unternehmen der erste Ansatzpunkt bei der Energieoptimierung. Im Nonfood-Handel werden hier auch längere Amortisationszeiten von bis zu fünf Jahren und mehr akzeptiert.

Gebäudemanager wissen: Heizen ist teuer, Kühlen ist noch viel teurer. Aber die Kunden sollen sich wohl fühlen und gern wiederkommen und die Mitarbeiter sollen unbeschwert ihre Aufgaben erledigen. Klimatechniker sind gefragt, denn im Supermarkt, in der Boutique, im Fachgeschäft oder Kaufhaus kann man nicht einfach wie daheim ein Fenster öffnen, um zu lüften. Klimatechniker unterscheiden Raumlufttechnik mit Belüftung durch Außenluft von jenen Anlagen, die ohne Lüftungsfunktion die Raumluft umwälzen.

Luft von außen – nötig und schwierig

Ein wichtiges Einfallstor für Luft von außen ist der Eingang. Bei den Lebensmitteldiscountern haben sich Windfänge mit zwei Türen hintereinander bewährt. Boutiquen möchten ihr Angebot am liebsten auch in der kalten Jahreszeit zur Straße hin offen halten, damit Passanten leichter den Weg in den Laden finden. Hier werden Luftschwallanlagen eingesetzt, die einen Warmluftvorhang erzeugen, der die kalte Außenluft draußen hält. Allerdings beklagen Kritiker den hohen Energieaufwand.

 
 



Zuhause weiß man, wie störend Zugluft ist. Zugluft entsteht, wenn Luftdruckunterschiede abrupt ausgeglichen werden. Die Ursache von Zugluft sind Differenzen bei Temperaturen oder Luftfeuchtigkeit. Je größer Gebäude sind, desto mehr spielen auch die Windverhältnisse eine Rolle. Luv und Lee – direkt im Wind oder vom Wind abgewandt – das sorgt für Druckunterschiede. Sonneneinstrahlung ebenso wie die Abkühlung von Glasfronten bei Frosttemperaturen wirken ebenfalls auf das Raumklima. Und natürlich beeinflusst auch das Heizen die Luftverhältnisse. Hinzu kommen die Menschen. So haben die Pyramiden in Ägypten über Jahrtausende die Farbenpracht ihrer Wandmalereien bewahrt, und sind jetzt durch die steigende Luftfeuchtigkeit aus der Atemluft der Besucher bedroht. Im Handel schwankt die Besucherzahl oft sogar im Tagesverlauf. Die Lüftungstechnik muss dies ausgleichen.

Viele Faktoren bestimmen das Raumklima

Was Laien meistens nicht wissen: „Schlechte Luft“ wird nicht durch einen Mangel an Sauerstoff hervorgerufen, sondern in erster Linie durch eine überhöhte CO₂-Konzentration. Dies erkannte der Chemiker und Begründer der Hygiene Max von Pettenkofer im Jahre 1858. Die Außenluft enthält 0,03 Volumen-Prozent CO₂. Der Mensch atmet die Luft mit einer CO₂-Konzentration von rund 4 Volumen-Prozent aus. Ohne Austausch mit der Außenluft würde die CO₂-Konzentration in bewohnten Räumen schnell ansteigen. Eine überhöhte CO₂-Konzentration ist nicht unmittelbar gesundheitsgefährdend, führt aber zu Müdigkeit, Unwohlsein, Konzentrationsproblemen, und Kopfschmerzen.

Während im Privathaushalt die Heizkörper oft unter den Fenstern stehen, sollen im Handel die Schaufenster für die Dekoration frei bleiben. Außerdem ist die Verkaufsfläche oft viel zu groß, um nur vom Rand her heizen zu können. Häufig heizt und belüftet man daher über die Decke. Wärme steigt jedoch nach oben, so dass die Fußbodenheizung effektiver ist. Im EuroShop-Interview plädiert Jan Kröger, Geschäftsführer des Klimatechnik-Unternehmens Hafner-Muschler, bei Neubauten für Betonkerntemperierung „Das Besondere ist dabei die niedrige Vorlauftemperatur der Heizungsanlage.“

Oft verursacht das Ladenlayout weitere Probleme für die Klimatechniker. Regalreihen beeinträchtigen die freie Luftzirkulation und die kühlere Luft in der Obst- und Gemüseabteilung, an offenen Tiefkühltruhen oder Kühlregalen verwirbelt die warme Raumluft. Auch die Ware hat Auswirkungen. Duftstoffe im Drogeriewarenregal mögen angenehm sein, Lösemittelbestandteile im Do-it-yourself-Bereich oder Imprägnierungen in Textilien sind es sicher nicht.

Die Landesbauordnungen legen die Anforderungen an Schächte, Luftleitungen und Brandschutzklappen fest. Im Brandfall muss verhindert werden, dass Rauch und Flammen in andere Gebäudeteile übergehen. Lüftungsanlagen arbeiten nicht geräuschlos; auch hier gelten Normen. Lüftungsleitungen verursachen hauptsächlich Pfeifen und Zischen durch Luftreibung und Verwirbelung an Bauteilen. Durch An- und Absaugen von Luft können sich Staub, Bakterien und Viren in der Lüftungsanlage ansammeln. Filter und sorgfältige Wartung sind nötig.

Duft – ein neuer Trend

Ein noch junges Kapitel der Klimatechnik ist das Duftmarketing. Düfte werden unbewusst wahrgenommen und wirken blitzschnell im Gehirn. Brotduft macht Hunger, Lederduft wirkt gediegen. Der Einsatz ist jedoch umstritten, Kritiker fürchten Manipulation der Verbraucher. Wo jedoch Duftspender zum Einsatz kommen, werden die Klimatechniker wiederum gefragt sein. Und wieder wird es sein wie immer in ihrem Business: Kaum jemand merkt etwas, wenn alles klappt.

René Schellbach, EuroShop.de

 
 

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