Handel 2020: Aussichten für inhabergeführte Fachgeschäfte

Quelle: Stammel
Interview mit Niko Stammel, Geschäftsführer des Textilhauses Stammel, Buchloe

Seit 1904 betreibt die Familie Stammel ein Textilfachgeschäft in Buchloe, im Ostallgäu, 70 Kilometer westlich von München. Vor der Metropole hat Inhaber Niko Stammel keine Angst. Im Gegenteil: Er investiert kräftig, hat letztes Jahr das Stammhaus renoviert und auf 2.000 Quadratmeter Verkaufsfläche erweitert. Gerade wurde das seit 40 Jahren bestehende Geschäft im 20 km entfernten Mindelheim umgebaut. Das dritte Geschäft in Schwabmünchen ist 2012 an der Reihe. Stammel glaubt, dass die Kunden sich vom Großstadttrubel abwenden und gute Beratung schätzen. Und er mahnt: Fachhändler sollten das Internet nicht vernachlässigen.


Im November haben Sie Ihr Haus in Mindelheim nach dem Umbau neu eröffnet. Worauf sind Sie besonders stolz?


Stolz sind wir, dass wir das richtige Konzept für unsere Kunden gefunden haben. Der neu gestaltete Eingangsbereich mit den Trendmarken wurde sehr gut angenommen und auch die neue Herrenabteilung konnte sich als Kundenmagnet entwickeln – trotz der Lage in der 1. Etage. Eine schwierige Herausforderung war der Denkmalschutz in dem historischen Hauptgebäude. Es ist mit zwei benachbarten Häusern verbunden. Dadurch ergibt sich ein schmaler, langgezogener Grundriss. Ich freue mich, dass es trotzdem gestalterisch gelungen ist, daraus eine Einheit zu machen.

 
 

Quelle: Foto Hartmann, Mindelheim
Mindelheim hat rund 14.000 Einwohner, Buchloe hat 12.000 Einwohner. Bieten solche Standorte eine Perspektive für ihr Unternehmen?

Ja – die Perspektiven sind Moment sehr positiv. Immer mehr Menschen wollen in unserer Gegend leben. Leben heißt aber eben auch in angenehmer, informativer Atmosphäre gepflegtes Einkaufen – keine Hektik und kein Gedränge und Geschubse wie in der Großstadt. Beide Städte haben einen komplett unterschiedlichen Einzugsbereich. Buchloe profitiert enorm von dem stark wachsenden Münchner Westen. Viele Buchloer arbeiten in dieser westlichen Münchner Region und sind froh, eine Alternative zur chronisch verstopften Münchner Innenstadt zu haben. Mindelheim ist hingegen mehr nach Osten orientiert und bekommt durch das Wachstum der Memminger Region guten Zuspruch. Grundsätzlich sind wir sicher, dass auch in Zukunft die Bewohner eine Vor-Ort-Versorgung mit hohem Servicegedanken schätzen.


Wie stellen sie sich Stammel im Jahr 2020 vor?

Wir werden ein Kommunikationsplatz für die Bewohner der stark gewachsenen Standorte sein. Stammel entwickeln wir als eine Marke mit überregionaler Zugkraft, die auch in den neuen Medien hervorragend präsentiert ist.

 
 

Quelle: Foto Hartmann, Mindelheim
Fürchten Sie bis 2020 eine Abwanderung der Kunden ins Internet?

Wenn Sie mir diese Frage vor 15 Jahren gestellt hätten, hätte ich sofort mit Ja geantwortet. Die Realität der letzten 10 Jahre hat aber gezeigt, dass sehr wohl ein großer Markt im Netz vorhanden ist, aber unsere Kunden dennoch vermehrt bei uns einkaufen und die Servicequalität schätzen. Wenn eine Abwanderung irgendwann stattfinden sollte – dann nur mit uns gemeinsam. Wir haben das Thema Internet von Anfang offensiv betrachtet und seit 1999 sind wir bereits mit eigenen Webseiten und Shop-Systemen online erreichbar.

Die Zukunft wird zeigen, wie stark sich das Online-Shopping weiter durchsetzen wird. Der persönliche Bezug zum Verkäufer ist wichtig und kann nur sehr schwer digital nachgebildet werden. Insbesondere in unserem Handelszweig hat sich auch nach dem Internet-Hype gezeigt, dass nicht alles Gold ist, was im Web verfügbar ist. Wir haben bis dato nur wachsende Umsätze, trotz der angeblich stark zunehmenden Konkurrenz aus dem Netz – und diese wird seit 1996 heraufbeschworen.


Wachsen oder weichen – wollen Sie weiter wachsen?

Ja

Welchen Gestaltungstrends folgen Sie bei Ihren Ladeneinrichtungen?

Keinen – und wenn, dann zeitverzögert. Der Ladenbau darf nicht zu extrem modisch sein, aber auch nicht alt wirken.


Was wird den Handel im Allgemeinen und den Textilhandel im Besonderen bis 2020 prägen?

Die Digitalisierung wird unser tägliches Leben stark beeinflussen, aber der demographische Wandel wird den größten Einfluss auf unser Handeln in den nächsten Jahren haben. Bis 2020 wird sich da nicht so viel ändern, aber in den Jahren danach werden gänzlich neue Konzepte – bis hin zum betreuenden Einkaufen – gefordert werden. Ambient Assisted Living ist sehr wichtig, aber wir glauben auch an das Ambient Assisted Shopping.


Ökologie und Energiesparen ist zurzeit ein wichtiges Thema. Auch für Sie?

Ja. Wir haben zum Beispiel mit dem Einbau neuester Lichttechniken in unseren drei Häusern den Verbrauch pro Lampe von 70 Watt auf 35 Watt gesenkt. Auf LEDs setzen wir im Moment noch nicht, die Stückkosten sind noch zu hoch.

 
 

Quelle: Foto Hartmann, Mindelheim

Was halten Sie von Digital Signage, großen Bildschirmen für Angebote und emotionale Videos?

Digitale Signage nutzen wir bereits und haben einen großflächigen Einsatz derzeit zum Weihnachtsgeschäft in allen Häusern installiert. Die Geräte werden zentral gesteuert und können mit täglichen Werbebotschaften, mit Sonderangeboten oder Produktinformationen bestückt werden.


Wird man 2020 bei Ihnen noch mit Bargeld bezahlen? Mit Karte, mit dem Handy oder mit Fingerprint?

Bargeld wird immer unwichtiger – Karte, Handy, Fingerprint alles okay, aber implantiertes RFID bitte erst im Jahr 2040!


Wird sich RFID durchsetzen?

Ja. Die ersten druckbaren RFID-Etiketten sind verfügbar und sobald es hier in die Massenproduktion geht, wird RFID die optimale Alternative zum Barcode. Das wird eine enorme Erleichterung bei der Inventur-Aufnahme.


Und zum Schluss: Welche Rolle spielen für Sie Messen wie die EuroShop in Düsseldorf?

Messen sind ein guter Kommunikationsort für das B2B-Geschäft, so wie unsere Geschäfte dasselbe im B2C-Bereich sind.


Interview: René Schellbach, EuroShop.de

 
 

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