18.04.2011

Bizerba GmbH & Co. KG

Hygiene macht Umsatz


Verbraucher müssen besser über Lebensmittelproduktion informiert werden - Expertenrunde fordert mehr Wertschätzung für das Essen

Der Aufschrei war wieder einmal gewaltig: „Dioxin im Frühstücksei!” lautete die Schlagzeile, die die Republik noch immer umtreibt. Und dabei wieder einmal für mehr Unsicherheit sorgt, als es die tatsächliche Gesundheitsgefährdung der Menschen wirklich verlangt.

Für Martin Müller, Vorstand des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure, schlagen sich bei den medial überreizten Lebensmittelskandalen die „gefühlten Gefahren” nieder. „Die Berichte verängstigen die Menschen zum Teil in höchstem Maße und schüren die so genanten gefühlten Gefahren unheimlich”, unterstrich er anlässlich eines Expertengesprächs zum Thema „Trends in der Lebensmittelhygiene” in München. „Dabei sind vom Stall bis zur Gabel die Kontrollen gesetzlich geregelt.” Müller warnte davor, dass der Dioxin-Skandal in falsches Fahrwasser führe. „Von unseren Lebensmitteln sind lediglich 0,3 Prozent unsicher.” Kriminelle Energie gebe es leider in allen Branchen. Seine Kritik gilt aber insbesondere dem Mangel an Esskultur und Wertschätzung für die Nahrung: Billig solle es sein und schnell zu verzehren. Seine Forderung: „Man muss gesundes Essen wieder herstellen können, zu einem vernünftigen Peis, mit vernünftigen Maschinen und verantwortlichem Personal.” Und die Menschen müssten sich sicher sein können, dass sie makellose Lebensmittel einkaufen.

Endverbraucher in der Verantwortung

Das Vertrauen in die Lebensmittelproduktion und den Handel, so konstatierte auch Dr. Karin Laue-Schuler, Laborleiterin des mikrobiologischen Instituts bei Intertek Consumer Goods in Fürth, müsse gestärkt werden. „Der Verbraucher will Informationen. Dem Metzger um die Ecke oder dem regional orientierten Lebensmittelhändler vertrauen Verbraucher auch schneller als dem anonymen Supermarkt.” Allerdings wies sie auch auf mangelnde Kenntnis über die Lebensmittel und deren Handhabung auf Verbraucherseite hin.

Keine Schuld an der Verbreitung der gefühlten Gefahren wollte die Runde möglichen mangelnden Kontrollen geben, der medial vermittelten Panik schon eher: „Die Ängste, die Medien schüren, fallen offenbar auf fruchtbaren Boden. Die Bürger haben wenig Vertrauen in Händler und Hersteller”, so die Analyse von Regina Zschaler, Mikrobiologie Hygiene Beratung (MHD) in Hamburg. Für Dr. Wolfgang Lutz von der Geschäftsleitung des Deutschen Fleischer-Verbandes ist es daher besonders wichtig, die Menschen für das Essen zu begeistern, statt permanent von Gefahren zu reden. Und der Weg vom Landwirt bis in die Fleischtheke müsse nachvollziehbar sein.

TV-Koch Alfons Schuhbeck stellt sich in diese Zusammenhang vor allem die Frage nach der Eigenverantwortung des Verbrauchers. „Die Kühlkette vom Händler ist meistens ok. Aber die der Verbraucher oft eben nicht, hier greift die eigene Verantwortung der Endverbraucher”, so die Mahnung des Sterne-Kochs. „Das Wissen, dass viele Lebensmittel eine intensive Kühlung brauchen, ist nur latent vorhanden.” Schuhbeck verwies dabei auf intelligente Hilfsmittel wie das so genannte TTI-Etikett (Time Temperature Indicator) des Balinger Lösungsanbieters Bizerba, „das anzeigt, wann die Kühlkette so unterbrochen wurde, dass das Produkt nicht mehr zu genießen ist”, und das auch - als Systemetikett - über Herkunft und Produktionskette der Lebensmittel informiert.

Für Hygiene begeistern

Auch Martin Arndt, technischer Geschäftsführer von Bizerba, appellierte an die Verantwortung der Verbraucher: „Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nur gültig, wenn ich das Produkt fachgerecht behandle. Die auf dem Etikett vermerkten Kühltemperaturen nehmen viele Verbraucher gar nicht wahr”, so seine Erfahrung. Um die Information für die Verbraucher zu verbessern, setzt er auf die Lebensmittelkontrolleure, die hohes Vertrauen genießen. Nach Vorbild der Sendung „Der 7. Sinn” denkt er gar an TV-Informationen vor den Hauptnachrichtensendungen. „Es entsteht ein großes Vertrauen, wenn ein Lebensmittelkontrolleur Informationen rund um die Handhabung von Lebensmitteln weitergeben könnte”, so der Bizerba-Geschäftsführer. Bizerba selbst habe bereits viele Informationen auch in Sachen Hygiene und dem Umgang mit Lebensmitteln in informativen Filmen zusammengestellt, die für den Handel verfügbar und auf den Multimedia-Waagen zu sehen seien. Wenn zudem die Verkäufer auch entsprechende Hinweise zur Kühlkette, der Herkunft eines Produktes und zu dessen Haltbarkeit geben könnten, würde das Vertrauen beim Verbraucher gefestigt.

Eine Schlüsselposition nimmt demzufolge zweifelsfrei das Personal ein: „Wo Menschen handeln, haben wir die meisten Probleme.Produktions- und Produkthygiene sowie Personalhygiene sind kritische Punkte”, so Martin Müller. Deshalb müsse man die Mitarbeiter immer wieder schulen und das Bewusstsein für Hygiene ausbilden, sie geradezu dafür begeistern. „Ich muss dem Mitarbeiter vermitteln, dass er nicht irgendeine Temperatur abliest, sondern die Kühlkette kontrolliert” so Müller. Die Reaktion auf Abweichungen zeige dann die gelebte Hygiene. Das Verantwortungsbewusstsein hierfür spiegele letztlich auch die Unternehmenskultur wieder. Ein Indikator dafür, welchen Stellenwert die Hygiene genießt, ist nach Überzeugung der Experten auch der Stand der eingesetzten Technik. Der Anspruch, so Martin Arndt, sei, in der Produktion mit schnell und einfach zu reinigenden Maschinen zu arbeiten. „Wir brauchen bei Maschinen geschlossene Systeme, dass das Innenleben für den Bediener nicht zugänglich ist. Dort darf auch keine Feuchtigkeit eindringen, Ecken sollten abgerundet sein”, bestätigte Martin Müller. Hygienic Design ist demnach nahezu unverzichtbar für den Handel. Man müsse Hygiene positiv vermitteln, nicht als lästige Aufgabe, resümierte Dr. Lutz. Mit der Gleichung „Hygiene ist Frische und Frische ist Umsatz” brachte er die Notwenigkeiten auf den Punkt. Sauberkeit und Frische im Geschäft nehme der Verbraucher wahr, das zahle sich durch Kundenzufriedenheit aus. Ein Mangel an Hygiene sei ein Mangel an Qualität.

Risikoorientierte Kontrolle und Probenahme - Anspruch und Wirklichkeit

Vom 11.02.-13.02.2011 trafen sich der Bundesvorstand und die Vertreter der Landesverbände zu einem Vorständeseminar im Bildungszentrum des dbb in Königwinter. Michael Kaulen von der komba Nordrhein- Westfalen und Klaus Torp vom Landesverband Schleswig-Holstein gingen auf die aktuellen Entwicklungen zur neuen bundesweiten Entgeltordnung ein. Vor allem wurde auf die sehr unterschiedlichen Standpunkte der Verhandlungspartner eingegangen. Leider wird die Verabschiedung dieser Entgeltordnung, in der u.a. Eingruppierungsmerkmale für das Berufsbild des Lebensmittelkontrolleurs vorgegeben werden sollen dadurch immer wieder verschoben, so dass für neu eingestellte Lebensmittelkontrolleure weiterhin eine andere Eingruppierung erfolgt als für die „alten Hasen”. Zudem wurde ein kurzer Überblick zu den aktuellen Tarifverhandlungen mit den Bundesländern gegeben und die Auswirkungen des derzeitigen Tarif- und Dienstrechtes erläutert.

Die Veröffentlichung von Überwachungsergebnissen beschäftigte alle Teilnehmer den gesamten Samstag. Harry Sauer, stellv. Bundesvorsitzender und Dana Rostin, Sächsische Landesvorsitzende, stellten einige Arbeitspapiere und einen Fragekatalog zu diesem Thema vor. Insbesondere die Fragen „Was und wie veröffentliche ich nach der Kontrolle?”, „Wie wird bewertet?” und vor allem „Wie können die grundgesetzlichen Rechte, z.B. auf Anhörung eingehalten werden?” wurden in mehreren anschließend gebildeten Arbeitsgruppen diskutiert und die Fazits den anderen Teilnehmern vorgestellt. Die Ergebnisse dieser Diskussionen fließen in Stellungnahmen bezüglich des zu novellierenden Verbraucherinformationsgesetzes (VIG) bzw. des LFGB ein. Die bisher genutzten (Modell)-Systeme wurden ausführlich vorgestellt, so z.B. das Bewertungssystem für die Bremer Großküchen. Mehrere Kolleginnen und Kollegen sind zudem an länderspezifischen Arbeitsgruppen, zur von vielen Verbrauchern sowie den politischen Entscheidungsträger gewollten und geforderten Transparenz der Überwachungsergebnisse, beteiligt. Diese können die während des Seminars erarbeiteten Vorschläge in diese Arbeitsgruppen einbringen.

Die aktuellen Referentenentwürfe zum VIG und LFGB wurden vorgestellt und seitens der Seminarteilnehmer diskutiert.

Ein weiteres Thema war die Auswertung der medialen Arbeit des Bundesvorstandes und der Landesverbände zum jüngst zurückliegenden „Dioxin-Skandal”. Neben einem ausführlichen Bericht des Bundesvorsitzenden Martin Müller berichteten auch kurz die übrigen Teilnehmer zu ihren diesbezüglichen medialen Aktivitäten. Harry Sauer stellte dazu neben mehreren Videos auch die Tätigkeit der saarländischen Lebensmittelüberwachung vor. Dort wurde an alle Einzelhändler ein Serienbrief versendet, der eine Zusammenfassung zu den behördlichen Erkenntnissen enthielt.

Die hessischen Kollegen stellten ihr Modellprojekt BALVI mobil vor. Dabei werden vor Ort mittels eines Notebooks oder PDA´s die Kontrollergebnisse der eben erfolgten Hygienekontrollen ins BALVi eingegeben und ausgedruckt. Zu den technischen Hilfsmitteln, z.B. zu Verwendung von Thermodrucker wurden die bisherigen Erfahrungen präsentiert. So ist die Verwendung von diesen Druckern problematisch, da die Ausdrucke verblassen. Auf der anderen Seite sind diese sehr leichtgewichtig. In der anschließenden Diskussion wurden die sehr unterschiedlichen Verfahren in den Bundesländern deutlich. Sehr interessant waren die Vorstellung der vor Ort genommenen Probe und deren Eingabe. Das Fazit der hessischen Kollegen ist, dass die Nutzung von BALVI mobil eine Arbeitserleichterung darstellen kann, allerdings sind auch dadurch zukünftig nicht mehr Betriebskontrollen möglich. Es entfällt lediglich die Doppelerfassung und das handschriftliche Ausfüllen der Berichte und Protokolle vor Ort.