Materialien: Transporteur von Emotion, Garant für Funktion

Die E-Commerce-Konkurrenz fordert den stationären Einzelhandel. Ein besonderes Ambiente zu bieten, zählt zu den Trümpfen, mit denen dieser punkten kann. Der Trend zur Individualität in der Geschäftseinrichtung und der Wunsch, die Kunden immer wieder aufs Neue zu überraschen, befeuern dabei die Innovationsfreude, die sich derzeit rund um Werkstoffe für den Laden- und Messebau abzeichnet.

Ob streichbares Echtmetall, Furnier aus Bananenstaude, nachleuchtendes Granulat oder bieg- und rollbares Sperrholz – nichts scheint mittlerweile mehr unmöglich. „Ein klarer Trend der letzten Jahre hält nach wie vor an und entwickelt sich stetig weiter: Die permanente Zunahme der zur Verfügung stehenden Materialien“, heißt es im „Materialreport 2013/14“, herausgegeben von der auf dieses Thema spezialisierten Agentur Raumprobe aus Stuttgart. Umso wichtiger ist es für Retailer, Planer, Laden- und Messebauer, sich einen umfassenden Überblick über die neuen Möglichkeiten zu verschaffen.

Die ideale Plattform dazu ist die EuroShop, weltgrößte Fachmesse für Handelsinvestitionen, die vom 16. bis 20. Februar 2014 auf dem Düsseldorfer Messegelände stattfindet. Die Bereiche EuroConcept und EuroExpo der Hallen 5 sowie 10 bis 15 geben Orientierung über das gesamte Spektrum. Auf Seiten der ausgestellten Produkte ist nicht weniger zu erwarten als optischer und/oder haptischer Genuss mit oftmals funktionalem Mehrwert, wozu in zunehmendem Maße auch die Schonung von Ressourcen gehört.

Echte Materialien und naturidentische Oberflächen

„Wir sehen im Retail-Segment aktuell das Zusammentreffen zweier Trends: den zu natürlichen Materialien und jenen zu individuellen Designs. Wir erwarten daher auf der EuroShop sehr viele Naturoptiken sowie Materialien mit Tiefgang, wie es etwa bei rustikalen Hölzern, aber auch Stein- und Betonoptiken der Fall ist. Zudem werden insbesondere jene Werkstoffe überzeugen, die eine gewisse Besonderheit aufweisen und somit ein individuelles Erscheinungsbild ermöglichen“, bringt Klaus Monhoff, Leiter des Design- und Dekormanagements der Egger Gruppe aus St. Johann im österreichischen Tirol, die Mehrheitsmeinung von Branchenexperten auf den Punkt. Er ergänzt: „Wir werden den Trendthemen unter anderem mit neuen Digitaldruck-Motiven, die insbesondere Materialitäten und natürliche Aufmachungen zeigen, gerecht. Ebenso mit Akustik-Platten in warmen Uni-Tönen und Hölzern sowie Kompaktplatten, deren Oberflächen Vertiefungen aufweisen.“

„Die Materialien sollten ausgefallen sein, im Trend liegen, langlebig, gleichzeitig pflegeleicht sein und diverse Funktionen erfüllen“, zählt Nina Freund, Firma Freund – Material für Ideen, die Ansprüche der Gegenwart auf. Auf der letzten EuroShop sorgte das Unternehmen mit seiner „Wonderwall“, einer vertikalen Grünfläche, für Furore. Indoor-Begrünung befindet sich seitdem auf dem Siegeszug, inzwischen vertreiben die Berliner sogar Mooslabyrinthe als akustisch wirksame Deckensegel. „Unser Produktprogramm beinhaltet verschiedenartige Naturmaterialien, angefangen von drei unterschiedlichen Moos-Wänden über Leder-, Holz- und Korkwände bis hin zu ausgefrästen Paneelen und Wasser-Wänden“, so Nina Freund.

Auch Kreos, Bad Wurzach, als Werksvertretung auf innovative Plattenwerkstoffe und Oberflächen für den gehobenen Innenausbau spezialisiert, hat Moos-Platten im Programm und das in elf Farben. Die Moose werden aufwändig in Skandinavien gezüchtet, leben allein von Luftfeuchtigkeit und tragen somit zu einem guten Raumklima bei – auch visuell. Zu den Newcomern im Kreos-Angebot zählen überdies organische Verbundplatten mit Oberflächen u.a. aus Heu, Gerste oder Herbstlaub. „Das Thema Natur ist der große Trend“, bestätigt denn auch der für den Vertrieb von Kreos verantwortliche David Segger. „Als Gegenpol zu unserer technisierten Zeit und der künstlichen Welt des Internets wächst die Sehnsucht nach Wahrhaftigem“, erklärt Nicole Lepper, Geschäftsführung Moysig Retail Design, Herford, die Entwicklung zu „echten“ Materialien. Dazu zählen (Alt-)Holz, Metalle, Steine, Leder.

Raumprobe hat anhand der Zugriffe auf seine Materialdatenbank die diesjährigen Top Ten der angefragten Materialklassen ermittelt: Es sind Holz (20%), vor Kunststoff (19%), Textil (12%), Beschichtung und Metall (beide 11%), Glas (8%), Beton (6%), Stein (5%), Keramik (3%) und Sandwich bzw. Papier (beide 2%).

Vier wesentliche Trends in Europa

Die zum Unternehmen Invista gehörende Teppichfaser-Marke Antron erstellt regelmäßig Trendstudien, die nicht nur Bodenbeläge, sondern den Bereich der Inneneinrichtung insgesamt ins Visier nehmen. Für 2014/15 wurden vier wesentliche Trends in Europa ausgemacht: „Natural Minimalism“ umfasst natürliche Materialien, klare, reduzierte Formen, feine Strukturen und Oberflächen, sanfte, pudrige Farben sowie die Blau-Palette rund um Indigo. „Global Patchwork“ steht für die Vereinigung verschiedener kultureller Einflüsse, wie Ethno-, Indian- und African-Style, die moderne Interpretation von Traditionen, den Mix von Dekoren, Materialien, Handarbeit und industrieller Fertigung sowie farbenfrohe, leuchtende Nuancen. „Sense of Touch“ beinhaltet 3D-Effekte, optische Illusionen, mehrlagige und generell vielfältige Strukturen, Materialien mit Höhen und Tiefen sowie geometrische Dessins und Formen.

Hier dominieren die Farben Schwarz, Grau und Weiß, ein Schuss Neon sorgt für Kontrast. „Recreate Century“ lässt – last, last, but not least – historische Elemente wieder auferstehen. Antiquitäten spielen eine ebenso wichtige Rolle wie Opulenz, zum Beispiel in Form überladener Musterungen. Glanz und metallische Oberflächen, Silber-, Gold- und Kupfer-Kolorits geben den Ton an.

Nichts spricht dagegen, gleich mehrere Trends in einem Produkt zu vereinen. Homapal aus Herzberg im Harz beispielsweise, nach eigenen Angaben Spezialist für „besondere Oberflächen“ und „Platten, die was drauf haben“, hat mit „Lava“ und „Vulcano“ hochglänzende Dekore mit dem Charakter von kochendem Metall neu auf den Markt gebracht. Die amorphen Strukturen, die durch einen speziellen Prägeprozess auf eloxierte Aluminiumflächen transferiert werden, schaffen – insbesondere in Kombination mit Licht (auch das ist ein Trendthema) – Atmosphäre. „Auch die Kombination aus alt bewährten Werkstoffen und Innovationen ermöglicht tolle Kontraste und zeigt den gesellschaftlichen Facettenreichtum. Unsere Naturmaterialien lassen sich zum Beispiel sehr gut mit oft verwendeten Bauelementen wie Beton und Glas kombinieren. Im Trend liegt, mit den Kontrasten zu spielen und Kombinationen aus konträren Richtungen zuzulassen“, macht Nina Freund von der Freund GmbH aufmerksam. „Sehgewohnheiten lassen sich ebenso aufbrechen, indem beispielsweise klassische Bodenbelags-Materialien an der Decke angebracht oder für Boden, Wand und Decke dasselbe Parkett eingesetzt werden“, wirbt Karl Schwitzke, Geschäftsführender Gesellschafter des Düsseldorfer Designbüros Schwitzke & Partner für das Querdenken.

Materialien als Sprache einsetzen

Die EuroShop zeigt nicht nur die Vielzahl an Optionen und Neuentwicklungen auf. Die ausstellenden Planer, Laden- und Messebauer unterstützen die Retailer dabei, die für ihre Bedürfnisse richtigen Materialien zu finden. „Was will man aussagen? Materialien sollten als Sprache eingesetzt werden und die Philosophie der Unternehmen unterstreichen“, verdeutlicht Karl Schwitzke. In diesem Zusammenhang sei es wichtig, die Images von Materialien und Farben, die international höchst unterschiedlich sein können, zu kennen und gezielt einzusetzen beziehungsweise zu vermeiden. Wer hierzulande Buche sieht, erinnert sich aus seiner Lebenserfahrung heraus oftmals an sein Jugendzimmer, wer Fichte sieht, denkt höchst wahrscheinlich an Ikea und bei Marmor liegt die, aktuell nicht sehr positiv besetzte Assoziation an Banken nahe.

„Bei der Einrichtung des Concept Stores der Deutschen Bank Unter den Linden in Berlin haben wir bewusst alle Materialien vermieden, die protzig wirken könnten“, berichtet Schwitzke. Kraiss – stores – shops – systems aus Bad Urach hat in jahrelanger Arbeit eine Datenbank entwickelt, in der über 3.200 Begriffe mit psychologischen Erkenntnissen hinterlegt sind. Wenn sich ein Händler zum Beispiel als „familienfreundlich“ positionieren möchte, gibt das System fundiert statt nach Bauchgefühl Auskunft, welche Materialien, Oberflächen, Formen und Farben diesen Wert perfekt widerspiegeln. Aus der Summe verschiedener Begriffseingaben generiert die Datenbank klare Design-Empfehlungen. Karl Schwitzke weiß: „Geölte Eiche ist das Lieblingsmaterial der Deutschen bei Fußböden. In arabischen Ländern indes müssen es Steinböden sein, Teppich und Holz funktionieren dort nicht, die Optik muss kühl sein.“ Damit spielt der Architekt auf globale Unterschiede an. Schwitzke & Partner arbeitet weltweit und beschäftigt Mitarbeiter aus 23 Nationen, um mit seinen Entwürfen auf den Punkt zu treffen. Hannes Bäuerle, Inhaber von Raumprobe, hat erkannt: „Selbst in Deutschland gibt es von Nord nach Süd erkennbare Unterschiede bei Materialvorlieben.“

Nachhaltigkeit – ein wichtiges Thema

Überregional auf dem Vormarsch, wenngleich ebenfalls mit unterschiedlicher Gewichtung, ist das Thema Nachhaltigkeit, das auf der EuroShop ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen wird. Der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen und Recyclaten, der Verzicht auf umwelt- und gesundheitsschädliche Substanzen und mehr Ressourceneffizienz sind hier zu nennen. Für viele Aussteller ist es ein Balanceakt. „Wenn man ihm ernsthaft nachgeht, ist das Thema sehr komplex“, so Karl Schwitzke. Das treibt die Preise. „Mehr Geld auszugeben, kommt für die meisten Einzelhändler aber nicht in Frage.“ Und so wird diese Thematik auf der EuroShop sicherlich auch viel Diskussionsstoff hergeben. Hannes Bäuerle: „Die Wichtigkeit des Themas Nachhaltigkeit sehe ich immer noch als nicht gewichtig genug. Darin steckt noch viel Potenzial.“

Quelle: Messe Düsseldorf