Nachhaltigkeit: „In der Vergangenheit wurde durch uneindeutige Begriffe viel verschleiert“

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Stephan Schaller: "Auf lange Sicht wird sich wohl eine einheitliche Ausdrucks-
weisedurchsetzen."

GS1 Germany arbeitet aktuell an einem Glossar, das eine gemeinsame Sprache für Industrie, Handel und Endkunden ermöglichen und den Gütesiegel- und Umwelt-Anforderungsdschungel in Unternehmen entlang der gesamten Produktionskette lichten soll. Im Interview erzählt Nachhaltigkeitsexperte Stephan Schaller, warum die Nachhaltigkeitsbegriffe und -anforderungen harmonisiert werden sollten. Außerdem erklärt er, wie sich Nachhaltigkeit im Handel entwickeln wird, und nennt Best Practice Beispiele aus der Unternehmenspraxis.





Herr Schaller, was genau macht GS1 Germany auf dem Gebiet Nachhaltigkeit?


Handlungsschwerpunkt eins ist das Thema Produkttransparenz. Das umfasst Möglichkeiten, wie Nachhaltigkeit für Unternehmen, Kunden und Endverbraucher erfahrbar und messbar gemacht werden kann. Ein anderes wichtiges Thema ist die Nachhaltigkeitskommunikation. Wir befassen uns mit eindeutigen Formulierungen für ein einheitliches Verständnis. Darunter fällt auch das Glossar, an dem wir derzeit arbeiten. Es wurde vom Consumer Goods Forum auf globaler Ebene für die Endkonsumentenkommunikation erstellt und befasst sich mit produktbezogener Nachhaltigkeitskommunikation.

Das Glossar definiert Begriffe, mit denen Umweltvorteile von Produkten beworben werden. Für Begriffe wie „nachhaltige Forstwirtschaft“ oder „klimaneutral“ gibt es oft keine verbindlichen Definitionen, und häufig auch keine einheitlichen Leistungen. Ihre Nutzung führt daher eher zu einer Verschleierung als zu einem klaren Verständnis. Inzwischen merken wir, dass es bei dem Glossar um weit mehr als die Übersetzung ins Deutsche geht. Wir suchen auch nach in Deutschland gebräuchlichen Produktclaims und schauen, wo Bedarf besteht, etwas zu vereinheitlichen.

Warum sind Normierungen und Standards in der Nachhaltigkeit nötig?

Häufig genutzte Produktbeschreibungen wurden von den Kunden im Laufe der Zeit als relevant gelernt. Die Formulierung „aus kontrolliertem Anbau“ wird von vielen mit Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht. Fakt ist aber, dass diese Aussage keinerlei rechtlich bindende Bedeutung hat. Diese Fehlorientierung möchten Industrie und Handel mit dem Glossar in eine positive Richtung lenken. Einigt man sich auf einheitliche Begriffe, werden auch diese irgendwann wieder gelernt und Nachhaltigkeit ist besser erkennbar.

Gerade im Supply Chain Management haben einheitliche Nachhaltigkeitsstandards und ein definiertes Vokabular enorme Vorteile. Nehmen wir einen Hersteller, der für verschiedene Unternehmen produziert. Hier hat jedes Unternehmen seine eigenen Umwelt- und Nachhaltigkeitsvorschriften, die individuell vom Hersteller erfüllt und nachgewiesen werden müssen. Auch wenn die verschiedenen Käufer im Endeffekt das gleiche wollen, nämlich die Erfüllung guter Umwelt- und Sozialstandards, haben sie unterschiedliche Schwerpunkte und Begrifflichkeiten. Gerade hier würden einheitliche Standards die Arbeit des Herstellers viel effizienter machen. Denn weil sie oft noch ineffizient organisiert ist, halten viele Nachhaltigkeit noch für einen zentralen Kostentreiber.

Wie äußert sich die Effizienz für die Kunden des Herstellers?

Sie spiegelt sich zum Beispiel auf der Kontrollebene wider, wenn der Hersteller von den Auditoren, also Kontrolleuren, seiner Kunden, überprüft wird, ob er deren Sozial- und Umweltstandards auch wirklich einhält. Wenn alle mit denselben Begriffen und Anforderungen arbeiten, würde ein einziges Auditorenteam genügen, das seine Ergebnisse an alle Kunden des Herstellers kommuniziert. Noch wichtiger kann es sein, dass sich Hersteller nicht mehr mit einer Flut individueller Checklisten beschäftigen, sondern lernen können, welchen zentralen Anforderungen sie zukünftig nachkommen müssen.

Wie sieht diese Harmonisierung der Nachhaltigkeitsleitsrichtlinien in der Unternehmenspraxis aus?

Hier gibt es das Global Social Compliance Program. Es umfasst ein Referenzdokument, in dem Best Practice Kodizes aus Sozial- und Umweltstandards zusammengetragen wurden. Anhand dieser Kodizes können Unternehmen ihre eigenen Nachhaltigkeitsleitlinien und zum Beispiel die der Lieferanten bewerten und prüfen. So können Unternehmen die Formulierungen ihrer eigenen Leitlinien behalten und wissen dennoch, inwieweit sie mit anderen Unternehmen kompatibel sind. Auf lange Sicht jedoch wird sich wohl eine einheitliche Ausdrucksweise in den Nachhaltigkeitsleitlinien durchsetzen.

Wie sieht Nachhaltigkeit im Handel heute aus und welche Vorteile bringt sie?

Einzelhändler können Nachhaltigkeit am besten durch die Sortimentsgestaltung ausdrücken. Einerseits können sie nachhaltige Produkte besonders promoten oder nachhaltige Eigenmarken schaffen. Andererseits kann ein Unternehmen das ganze Unternehmenskonzept nachhaltig gestalten. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist Memo, die nachhaltigen Bürobedarf und Werbeartikel verkaufen. Jedes Produkt wird hier sorgfältig nach ökologischen und sozialen Kriterien untersucht, bevor es ins Sortiment aufgenommen wird. Das hat aus Konsumentensicht den Vorteil, dass sie dort alles mit gutem Gewissen kaufen können und sich nur auf ihren Produktbedarf konzentrieren müssen.

Haben Sie noch ein anderes Best Practice Beispiel?

Der Ecorepublic Store von Otto ist ein weiteres interessantes Konzept. Otto hat hier fünf Meta-Labels gebildet, die Auskunft über verschiedene Nachhaltigkeitsaspekte der Produkte, zum Beispiel über den Energieverbrauch oder den Einsatz von Recyclingverfahren bei der Herstellung geben. Der Kunde kann anhand der für ihn wichtigen Kriterien Produkte auswählen. Die einen möchten Fair-Trade-Artikel, anderen sind gesundheitsförderliche Produkte wichtiger und wieder anderen liegt die Umwelt am Herzen. So ein Abkürzungssystem ist für Verbraucher in Zeiten der Gütesiegelflut schon ziemlich zukunftsweisend.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Nachhaltigkeit für das Konsumverhalten ein?

Ich denke, sie ist gerade für den Handel in Zukunft ein wichtiges Thema. Im April wurde von der EU-Kommission der Product Environmental Footprint Guide herausgegeben. Er sieht vor, dass es für jedes Produkt eine Öko-Bilanz geben soll. Dies könnte die Grundlage dafür werden, dass Produkte eine harmonisierte Umweltkennzeichnung erhalten, vergleichbar mit der Energieeffizienzklasse von Kühlschränken. Spätestens dann wird sich der Handel mit dem Thema auseinandersetzen können und müssen. Denn dann haben Einkäufer ein Instrumentarium, mit dem sie entscheiden können, wie umweltfreundlich Produkte sind und ob sie in die Sortimentsplanung passen.

Außerdem befindet sich das Konsumverhalten gerade in einer Umbruchphase. Kunden sind kritisch und recherchieren via Smartphone vor Ort relevante Produkt- und Herstellungsinformationen, die die Kaufentscheidung beeinflussen. Auch beobachten wir momentan eine wachsende Sharing Economy. Selten genutzte Geräte wie Bohrmaschinen oder Rasenmäher aber auch Autos werden von vielen Menschen heute lieber nach Bedarf geliehen, geteilt oder geleast, anstatt komplett neu angeschafft zu werden. Das schont Ressourcen. In dieser Mentalität des Teilens liegt ein großes Potenzial für zukünftige Unternehmens- und Handelskonzepte.

Das Interview führte Elisabeth Henning; EuroShop.de